Brav ist out. Wenn man schon auf neue Medien setzt, dann bitte peppig. - © Screenshot, ÖVP-YouTube-Kanal
Brav ist out. Wenn man schon auf neue Medien setzt, dann bitte peppig. - © Screenshot, ÖVP-YouTube-Kanal

Wien. Dass es in einem Wahlkampf "zu brav" zugeht, ist eigentlich eher die Ausnahme. Der Eindruck entsteht jedoch, wenn man die YouTube-Videos anklickt, die die Parteien so intensiv wie nie zuvor als Wahlkampfmethoden nutzen. Einmal mehr, einmal weniger kreativ sprengen die Werke dabei gern den Rahmen von klassischen Wahlkampfspots und sind vielfach wie kurze Filme gestaltet. Für die Präsentation und Repräsentation im Netz sind die Clips aber "viel zu brav und glatt", bewertete der künstlerische Leiter von Österreichs größtem Kurzfilmfestival VIS Vienna Independent Shorts und APA-Filmexperte Daniel Ebner das Gesehene - mit Ausnahme des jüngst veröffentlichten Gleichstellungs-Videos der Grünen.

"Ordentlich polarisieren"

Die kurzen Filme sind meist als sogenannte Virals, also sich viral verbreitende Kurzvideos, konzipiert und sollen üblicherweise jüngere Leute ansprechen, so Ebner. Dafür seien die vorliegenden Beispiele aller Parteien aber eher schlecht als recht geeignet. "Am geschicktesten arbeiten in dieser Richtung Grüne und FPÖ, weil sie sich mit ihren Videos stilistisch dem Medium anpassen und ordentlich polarisieren", so der Experte. Oft gehe es dabei darum, die politischen Mitbewerber schlecht aussehen zu lassen.

Fast ganz klassisch wirbt dagegen die SPÖ - oder genauer gesagt deren Personenkomitee - für ihren Spitzenkandidaten Werner Faymann. Von Nobelpreisträger Eric Kandel über Altkanzler Franz Vranitzky bis Reinhold Bilgeri zählen die Mitglieder der Initiative, unterlegt von dramatischer Musik, die Vorzüge des amtierenden Kanzlers auf. "Vom grafischen Look nicht wirklich gelungen und für das Medium zu überladen", findet Ebner den "staatstragenden Spot, der definitiv besser fürs Fernsehen geeignet" sei.

Die ÖVP wirbt via Online-Video freiwillige Helfer für den Wahlkampf an und bringt gleich drei Beispiele: einen Jungbauer, eine Pensionistin mit Hund und eine Angestellte. Aus technischer Sicht "auffallend schön gearbeitet" ist der Spot für den VIS-Leiter, der den Machern "Blick für Details" attestiert. Auch der dramaturgische Aufbau kommt bei dem ÖVP-Video gut weg - "mit dem Höhepunkt, dem Kanzlergestus, zum Schluss". Dennoch: "In der Werbeästhetik halt sehr glatt und damit auch ziemlich langweilig."

"Echte Hawara"

Mit der fiktiven Familie Berger hat die FPÖ eine Reihe von Spots auf YouTube gestellt. Da schwärmt etwa die Tochter zweideutig von ihrem "ersten Freund", der eben wie Parteichef Heinz-Christian Strache sein sollte, Arbeiter Franzi Berger sieht in ihm einen "echten Hawara", auch Oma und Hund Berger sowie das Familienoberhaupt sehen als Ausweg aus der Krise die Freiheitlichen. Für Ebner ist der Versuch des Überraschungseffekts (Auflösung erst am Schluss) "recht clever", allerdings wirkten die Filme alles andere als spontan und authentisch, sondern vor allem nicht gut gespielt. "Und Pathos und Verunglimpfungen führen letztlich eher zu einem Fremdschämreflex."

"Aus künstlerischer Sicht sicher die eigenwilligsten und einprägendsten Spots" bieten laut Expertenmeinung die Grünen. Mittels Collage-Animationen werden die gegnerischen Spitzenkandidaten als Kinder auf dem Spielplatz dargestellt und mit einer "echten" Spitzenkandidatin Eva Glawischnig konfrontiert. "Moderne Grafik, wiedererkennbarer Stil, wenig Inhalt", urteilt Ebner. Gelungener findet er aber das vermeintlich explizite Gleichstellungsvideo, welches auf YouTube gesperrt wurde. Es sei "provokant, technisch raffiniert und ganz offensichtlich von jemandem gemacht, der auch auf künstlerischer Ebene weiß, was er tut".

Sexistisch und konfus

Für das Team Stronach legt sich zu guter Letzt "Otto Normalverbraucher" ins Zeug und singt im Musikvideo "Po-po-positiv" über Korruption. Ein "recht klassisches Performancevideo", das zumindest musikalisch in Österreich funktionieren könne, sieht der Fachmann darin. Allerdings sei mit dem deutlichen Korruptionsvorwurf im Video nicht klar erkennbar, ob es nicht doch Satire über das Team Stronach selbst sein soll, was den Effekt entsprechend infrage stellt. "Zumindest mit dem po-po-polarisierenden Sexismusanteil hat das Video für Gesprächsstoff gesorgt."

Aus Festivalsicht kann Ebner hinzufügen, dass politische Werbevideos bei Filmfestivals üblicherweise nicht im Programm vorkommen. "Von den vorliegenden hat nun keines wirklich den Impuls ausgelöst, diese Praxis zu ändern."