"Wiener Zeitung": Wenn man Ihnen im Wahlkampf zuhört, dann schildern Sie die soziale Situation in Österreich in den düstersten Farben. Wie passt das zu den Studien, die Österreich als eines der wohlhabendsten Länder präsentieren?

Heinz-Christian Strache: Wenn heute Pflegebedürftige, Pensionisten, Arbeitnehmer und Familien im Stich gelassen werden, wenn 1,3 Millionen Menschen an der Armutsgrenze leben und die realen Löhne seit der Euro-Einführung sinken, dann ist Feuer am Dach. SPÖ und ÖVP kümmern diese Menschen nicht. Beide pumpen unser Steuergeld lieber nach Brüssel, um Banken und Spekulanten zu retten. Wir erleben in Europa einen Globalisierungswahn, der den Wohlstand der Bürger massiv reduziert. Die Löhne sinken, die Menschen können sich immer weniger leisten. Das betrifft nicht nur die Österreicher, sondern alle Europäer. Hier wollen wir, hier müssen wir gegensteuern.

Exportwirtschaft wird überschätzt: Strache. - © reuters/Bader
Exportwirtschaft wird überschätzt: Strache. - © reuters/Bader

Sie sind gegen die Bankenhilfen, wollen zurück zum Schilling. Aber ohne Euro würden die wirtschaftlich starken Staaten massiv aufwerten. Wie soll Ihr Gegensteuern konkret funktionieren?

Die D-Mark wurde gezählte 35-mal aufgewertet. Glaubt man SPÖ und ÖVP, dann bedeutet jede Aufwertung das Ende der Exportwirtschaft. Die Geschichte Deutschlands und Österreichs widerlegt diese Behauptung: Die Aufwertungen zwangen die Betriebe zu Strukturreformen und Innovationen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das war die Grundlage unseres Wirtschaftswunders. Bei der Euroeinführung wurden alle Warnungen in den Wind geschlagen, heute haben sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Jetzt wurde die gemeinsame Währung zur Glaubensfrage, tatsächlich beten manche den Euro wie eine Sekte an. In Wirklichkeit jedoch können wir uns den Euro nicht mehr leisten, er gefährdet den sozialen Frieden in Europa. Deshalb müssen wir überlegen, ob wir nicht kontrolliert zu nationale Währungen zurückkehren.

Also zurück zum Schilling . . .

Wir könnten uns wieder an der Deutschen Mark orientieren.

Und gemeinsam würde dieser D-Mark/Schilling-Block um mindestens 30, 40 Prozent aufwerten - und das quasi über Nacht . . .

Ja, weil unsere Nachbarstaaten abwerten. So würden sich die Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften wieder ausgleichen. Die Schweiz fährt sehr erfolgreich mit ihrer eigenen Währung.

Die Schweizer Nationalbank muss zum Schutz ihrer Exportindustrie Milliarden aufwenden, um zu verhindern, dass der Franken in den Himmel schießt.

Ja, allerdings geschieht dies mit deutlich weniger Kapital als die Haftungen Österreichs in Bezug auf den Euro-Stabilitätsmechanismus ESM. Ich würde gerne mit den Schweizern tauschen, deren Kosten beliefen sich bisher lediglich auf drei Milliarden Euro, Österreich haftet mit rund 19 Milliarden. Wir müssen endlich eine ehrliche Debatte führen: Jede Alternative zum Euro würde weniger Schaden anrichten als das zwanghafte Festhalten an der gemeinsamen Währung. Der Euro ist gescheitert und zu einem Fass ohne Boden geworden. Ökonomen gehen davon aus, dass über 3000 Milliarden Euro an Haftungen schlagend werden könnten. Und dafür kommen nur Deutschland, die Niederlande und Österreich infrage. Das kann nicht funktionieren. Das Projekt Europa hat bis zur Einführung des Euro exzellent funktioniert. Exzellent.

Raus aus dem Euro, zurück zum Schilling, Allianz mit der D-Mark und bei Bedarf Garantien gegen allfällige Überbewertungen: Glauben Sie wirklich, dass das wirtschaftlich funktioniert?

Die Schweiz lebt es vor. Bei einer geordneten Rückkehr zu nationale Währungen würde man zur Situation vor Einführung des Euro zurückkehren. 1970 konnte sich eine Familie mit zwei Kindern noch ein Haus, ein Auto und einen Urlaub leisten; der Mann verdiente genug, die Frau konnte zu Hause bleiben. Heute ist ein Mann darauf angewiesen, dass auch die Frau arbeitet, damit die Familie über die Runden kommt, und dennoch kann man sich kaum mehr Kinder, Haus und Auto leisten. Da muss man sich als Politiker schon fragen: Wie konnte es so weit kommen, wer hat von der Umkehrung dieser Verhältnisse profitiert? Zum Wohl der Arbeitnehmer und der Fleißigen war es offenbar nicht.

Sie wollen nicht nur den Euro abschaffen, sondern auch einen Mindestlohn von 1600 Euro und eine Mindestpension von 1200 Euro. Das klingt nach Voodoo-Ökonomie.

Nein, unsere Pläne sind von Experten berechnet worden, das ist leistbar, die Einführung der Mindestpension würde nicht mehr als 1,2 Milliarden kosten.

Es gibt Experten, die diese Zahl vehement bestreiten und von einem Vielfachen ausgehen.

Wir vertrauen unseren Berechnungen, zumal wir auch aufzeigen, wo wir einsparen.

Und wo?

Wir wollen die Verwaltung optimieren. Wenn wir nur die Reibungsverluste abstellen - da rede ich gar nicht von einer richtigen Verwaltungsreform -, würde das pro Jahr drei Milliarden Euro bringen. Eine wirkliche Verwaltungsreform würde 12,5 Milliarden Euro einbringen.

Was sind Reibungsverluste?

Unnötige Gesetze und Verwaltungsaufwände. Etwa wenn man in Wien ein kostenpflichtiges Parkpickerl beantragt, zahlt man drei Verwaltungs- und Bearbeitungsgebühren - und dann sucht man vergebens einen Parkplatz.