Wien. Jörg Kirchschlager (35) ist satt von der Politik. Der gelernte Koch wird am 29. September aus Protest ein leeres Kuvert in die Wahlurne werfen. "Alles wird immer schlimmer und teurer. Die Politiker verdienen 8000 Euro und wir müssen sparen?"

Seit 1999 wohnt er in jenem Gemeindebau, der den Namen des Gründers der österreichischen Sozialdemokratie trägt: Victor Adler. Im Victor-Adler-Hof ist die Sozialdemokratie seit der Gründung solcher "Volkswohnhäuser" die Hausmacht. Aber diese Hausmacht bröckelt - wieder einmal.

Favoriten ist eine Hochburg des Gemeindebaus, in dem fast die Hälfte der 180.000 Einwohner lebt; und bei den Wahlen ist es ein "Battle-Ground", auf dem ein Match zwischen SPÖ und FPÖ tobt. "Im Gemeindebau sind SPÖ und FPÖ oft kommunizierende Gefäße. Der Wähleraustausch zwischen diesen Parteien ist am stärksten", sagt der Politologe Peter Filzmaier. In Wien wanderten bei den letzten Wahlen 33.000 Stimmen von SPÖ zu Freiheitlichen, zurück praktisch nichts.

Von Favoriten über Floridsdorf, Simmering und Meidling: In allen typischen Gemeindebau-Bastionen verlor die SPÖ 2008 bis zu neun Prozentpunkte, während die FPÖ um bis zu zehn Prozentpunkte zulegte. Auch wenn einzelne Gemeindebauten nicht ausgewertet werden, sondern Wahlsprengel -die Tendenz war eindeutig.

Absolute Mehrheit

Warum Rot und Blau in vielen Gemeindebauten die absolute Mehrheit schaffen, liegt am sozialen Milieu. Das setzt sich aus Arbeitern, Angestellten mit niedrigem Einkommen und Pensionisten zusammen. Für die ÖVP oder die Grünen ist dort wenig zu holen; für die SPÖ und FPÖ sind es die entscheidenden Wählergruppen. Es geht um Bewohner wie die 58-jährige Anna Lechner im Reumannhof. "Ich habe immer SPÖ gewählt, wir sind Arbeiterkinder. Aber jetzt steht es mir bis zum Hals. Die Alternative ist die FPÖ unter Strache, weil vielleicht kehrt dann wieder Ruhe ein." Doch noch bleibt ein SPÖ-Urgestein ihr Lieblingspolitiker: Bundespräsident Heinz Fischer.

Um das Ergebnis von 2008 zu halten - da waren es österreichweit 29 Prozent -, muss die SPÖ Menschen wie Frau Lechner halten. Dafür absolvieren die roten Parteisoldaten fast 100.000 Hausbesuche. Dabei werben sie für die Vermögenssteuer, die nur "G’stopfte" außerhalb des Gemeindebaus treffen würde und versprechen "sichere Pensionen". Doch sie haben starke Widersacher: Lokale FPÖ-Aktivisten, die nicht nur in Wahlkampfzeiten Stimmung machen und die schon in den 90er Jahren beim Hof-Tratsch erfolgreich um Stimmen keilten. Dann kam die FPÖ Anfang 2000 in die Regierung und stürzte wenig später ab. Die Aktivisten verstummten. Seit 2006 holt die FPÖ wieder auf und ihre Aktivisten kehren zurück. Nun predigen sie "Nächstenliebe" im Bau - exklusiv für Österreicher.