Gewinner mit Verlusten: SPÖ-Spitzenkandidat Faymann. - © apa
Gewinner mit Verlusten: SPÖ-Spitzenkandidat Faymann. - © apa

Wien. "Ganz schön historisch", titelte die deutsche "Zeit" ihr Porträt über die fulminante Wahlsiegerin Angela Merkel. Mit einer fast absoluten Mehrheit ihrer Partei am vergangenen Sonntag geht die deutsche "Kanzlerin Europas" nun in ihre dritte Amtszeit.

Im Vergleich dazu nimmt sich das Wahlergebnis ihres österreichischen Kollegen, Werner Faymann, am gestrigen Wahlsonntag bescheiden aus. Mit vorläufig 27,1 Prozent landete die SPÖ auf ihrem historisch schlechtesten Ergebnis. Trotzdem hat Faymann hat gute Chancen, Bundeskanzler zu bleiben. Denn er ging wieder als Erster durchs Ziel; und innerhalb der Sozialdemokratie bleibt er an der Parteispitze unumstritten.

Schon irgendwie historisch

Nicht "ganz schön", aber historisch ist die Tatsache, dass der gebürtige Liesinger und beruflich in der Wiener SPÖ aufgewachsene Werner Faymann mit insgesamt zehn Jahren Amtszeit in die Riege der Langzeit-Kanzler aufsteigen kann. Seit der Gründung der Republik 1918 lägen dann nur noch die Sozialdemokraten Franz Vranitzky (1986 bis 1997) und Bruno Kreisky (1970 bis 1983) vor ihm.

Kreisky, Vranitzky, Faymann: Bei dieser Ahnenreihe reißt es Faymann-Kritiker der ersten Stunde. Kreisky, der Übervater der Sozialdemokratie, der in den 1970er Jahren das Land mit Reformen durchlüftete und auf die Weltbühne hob; der Europäer Vranitzky, der Kreiskys Erbe in der EU verankerte und noch viel deutlicher braune Nazi-Spuren im Land übermalte. Und Faymann? (Und Merkel? Eben.)

Zeitgeist-Politik

Faymann und Merkel sind in einer Phase der Geschichte an die Macht gekommen, in der die Zeit ihre Politiker gestaltet und nicht umgekehrt. Gegen Willi Brandt oder Helmut Kohl nimmt sich auch Merkel "ganz schön wenig historisch" aus.

Politiker wie Merkel und Faymann verteidigen ihre Sessel mit zwei Eigenschaften: Sie haben ihre Parteiapparate im Griff und sind anpassungsfähig. Die konservative Merkel sammelte mit einem Linkskurs rote und grüne Wähler ein. Faymann startete als Europa-Kritiker und Gegner von Vermögensteuern und schwenkte dann zum EU-Aficionado und Millionärs-Schreck um.

Politiker wie Merkel und Faymann entsprachen mit dieser Wendigkeit dem Zeitgeist der Krisenjahre offenbar stärker als Politiker wie Faymanns Vorgänger Alfred Gusenbauer oder Merkel-Herausforderer Peer Steinbrück von der deutschen SPD, die ihren Kurs und ihre Überzeugungen vor Wendigkeit stellen.