Weißbach bei Lofer. "So etwas war eigentlich undenkbar", sagt der Herr von der Wahlbehörde in Weißbach bei Lofer. Doch das Undenkbare ist heuer eingetreten, erstmals fällt der Wahltag in der kleinen Gemeinde im Salzburger Saalachtal mit einem Festtag zusammen. Der Priestermangel der katholischen Kirche macht auch vor der 412-Einwohner-Gemeinde nicht halt, der Pfarrer muss noch andere Gemeinden betreuen und so feiert Weißbach eben am Wahltag sein Erntedankfest.

Und so ist die Wahl in Weißbach um viertel elf, wenn der Großteil Österreichs erst in den Wahltag startet, fast schon geschlagen. Dass die Wahlbeteiligung von 76,7 Prozent von 2008 diesmal nicht erreicht wird, ist den Beisitzern da schon klar. Am Ende werden es 70,3 Prozent.

Während die Wahlbehörde bereitwillig Auskunft gibt, sitzt der Großteil der Gemeinde in der Kirche und feiert Erntedank. In den drei Straßen des Ortskerns ist kaum jemand unterwegs. Bis auf ein paar Wanderer und Touristen, die dem trostlose Wetter trotzen. Auch in Weißbach ist der Tourismus ein wichtiges wirtschaftliches Standbein.

Hohe Verschuldung

Der heurige Sommer war für die Bauern, und auf die kommt es beim Erntedankfest an, durchwachsen. Weißbach war vom Hochwasser im Juni betroffen, die Saalach trat über die Ufer und überschwemmte viele Felder.

Abgesehen von Naturkatastrophen hat Weißbach mit den strukturellen Problemen einer Kleinstgemeinde zu kämpfen. Deshalb wurde Weißbach in diesem Jahr als Salzburgs erste Gemeinde überhaupt vom Landesrechnungshof geprüft. Der Rechnungshof wollte sich besonders jener Gemeinden annehmen, die einen strukturellen Startnachteil haben.

Bei Weißbach ist der besonders eklatant. Die 412 Einwohner leben auf einer Fläche, die größer als die Stadt Salzburg ist. Dementsprechend ernüchternd fiel das Fazit des Rechnungshofs aus. Die finanzielle Lage wird als "sehr angespannt" bezeichnet. "Die erwirtschafteten Überschüsse waren zu gering, um wesentliche Rücklagen zu bilden", heißt es im Bericht. Aufgrund eines Kanalbaus lag die Pro-Kopf-Verschuldung 2012 bei rund 4000 Euro. Das liegt zweieinhalb Mal über dem Durchschnitt in Salzburg.

Zwei Mitglieder des Kameradschaftsbunds stehen vor der Kirche. Sie bedienen die kleine Böllerkanone. Weil sie für die Böllerschüsse zuständig sind, sind die beiden nicht in der Kirche. Ob sie gewählt haben? "Ja", kommt die Antwort knapp und deutlich. Wie die Wahl ausgehen wird? "Das lassen wir lieber", sagt einer der beiden fast genauso knapp, aber nicht weniger deutlich.

Nach dem kurzen Dialog strömt die Gemeinde aus der Kirche, der Erntedank-Umzug beginnt, das Gespräch ist beendet. Ausschweifende öffentliche Diskussionen sind nicht die Sache der Weißbacher. Das lässt sich auch an den Wahlplakaten ablesen. Im gesamten Ortsgebiet steht ein einziges, nur außerhalb des Orts an der Bundesstraße stehen noch ein paar mehr.

Nur ein einziges Plakat

Die Wahlbehörde weiß, warum das so ist. "Wir brauchen das nicht, dass alles mit Wahlplakaten zugepflastert wird", erklärt einer der Beisitzer. Es gibt quasi ein stilles Abkommen, dass im Ort nicht plakatiert wird. So ist es auch keine Überraschung, dass das einzige Wahlplakat im Ort nicht von der ÖVP stammt, die hier die Hausmacht hat. "Eva" wirbt hier um die Stimmen der Jungen und Umweltbewegten.

Dass ausgerechnet die Grünen in Weißbach plakatieren, ist bemerkenswert. Denn hier hatte die Ökopartei bei der letzten Nationalratswahl nur sechs Wähler. Es dürfte sich ausgezahlt haben: Die Grünen konnten in Weißbach auf 19 Wählerstimmen zulegen, auf 9,2 Prozent. Der Platzhirsch, die Volkspartei, verlor dagegen 13 Prozentpunkte und liegt nur noch bei 38,6 Prozent, verlor also in Weißbach die absolute Mehrheit. Einen größeren Zuwachs als die Grünen hatte nur die FPÖ.

Mit dem Ergebnis bewahrheitete sich, was die Beisitzer schon um zehn Uhr vormittags wussten: Die bundesweiten Trends lassen sich auch am Wahlergebnis von Weißbach bei Lofer ablesen. Und so wussten die Beisitzer schon kurz nach 13 Uhr, nach Schließen des Wahllokals, wie die Nationalratswahl in etwa ausgehen wird. Auch da mag sich manch einer gedacht haben: "So etwas war eigentlich undenkbar."