Das betreffe auch die Grünen, die das Thema politischer Islam bisher vermieden haben (und nun mit Peter Pilz einen prominenten Fürsprecher einer härteren Linie gegenüber Erdogans Funktionären und Anhängern in Österreich verloren haben). "Bei den Grünen und auch bei der SPÖ vermuten vor allem konservativ-religiöse Wähler PKK-Sympathisanten. Für einige macht sie das unwählbar", so der Integrationsexperte.

Das Gefühl, fast alle Parteien gegen sich zu haben, befeuere zudem auch Überlegungen, mit einer eigenen Partei anzutreten. Dass es tatsächlich dazu kommt, hält Güngör aber für wenig wahrscheinlich: "Trotz der Emotionen, ist eher davon auszugehen, dass sich der Pragmatismus durchsetzen wird." Vor allem die SPÖ werde von den Stimmen der Türkeistämmigen profitieren. Die Zahl jener, die gar nicht erst zur Wahl gehen, könnte aber wachsen, ist Güngör überzeugt.

Erdogan als Projektionsfläche

Diesen Grundpragmatismus der Türkeistämmigen, wenn es um Wahlen in Österreich geht, sieht auch der Politikwissenschafter Cegiz Günay. "Ideologisch würde sich ein großer Teil, vor allem die Religiös-Konservativen, prinzipiell ja der ÖVP zugehörig fühlen", sagt Günay, der am Österreichischen Institut für internationale Politik unter anderem zu den türkisch-europäischen Beziehungen forscht. "Das würde funktionieren, wenn sich die ÖVP generell als konservative Kraft verkaufen und nicht christlich-konservativ auftreten würde." Das Islam-Thema als zentraler Baustein im Wahlkampf von Sebastian Kurz mache die Partei für die meisten aus diesem Milieu unwählbar.

Erdogans Regime in Ankara sei für alle Parteien eine dankbare Projektionsfläche, erklärt der Politologe: "Während die nach wie vor heterogene politische Landschaft in der Türkei und die neue Stärke der Opposition, Stichwort Marsch auf Ankara, eher unterbeleuchtet sind, vergeht fast kein einziger Tag, an dem auf orf.at keine Erdogan- oder Türkei-Story für Klicks sorgt." Mittels Kritik an Erdogan und der Türkei gelinge es, die anti-muslimischen Ressentiments der Wähler anzusprechen, ohne eine Sprache zu verwenden, wie dies die FPÖ tut. Islamkritik, gespielt über die Erdogan-Bande also.

"Immer öfter bekomme ich auch im Alltag zu hören: Die mögen uns hier einfach nicht‘", sagt Günay. Er hält eine "Dämonisierung von allen, die mit Erdogan sympathisieren", für politisch kontraproduktiv.