Wien/Berlin. Haben die deutschen Bundestagswahlen Auswirkungen auf Österreich? In der Vergangenheit war das der Fall, zumindest was die politische Stimmung angeht. Und deutsche Spitzenpolitiker waren stets gern gesehene Wahlkampfhelfer in der Alpenrepublik. Damit ist es vorerst vorbei, und wie es jetzt aussieht, wird es noch eine Zeit lang so bleiben. Immerhin haben es Österreichs Parteien jetzt schwarz auf weiß, dass die Flüchtlingskrise noch nicht zur Zufriedenheit der Wähler aufgearbeitet ist.

Je nach Partei sind daraus allerdings unterschiedliche Schlüsse zu ziehen. Der Standort bedingt den Standpunkt. Es sei denn, es handelt sich um Banalitäten, wie die Feststellung, dass die Wahlen für die ÖVP noch nicht gewonnen und für die SPÖ noch nicht verloren sind.

Einige Szenarien, die sich in Berlin ereignet haben, sind es trotzdem wert, für Österreich durchgespielt zu werden. Auf Grundlage der Umfragen ist es etwa nicht völlig aus der Luft gegriffen, dass SPÖ-Spitzenkandidat Christian Kern am Wahlabend den Gang seiner Partei in die Opposition ankündigt, weil Platz eins verfehlt wurde. In Deutschland hat genau das Martin Schulz getan, seitdem richten sich alle Augen auf die Möglichkeit einer "Jamaika"-Koalition aus Union, Liberalen und Grünen. In Deutschland ist das die einzige Option für eine Koalition, nachdem Linkspartei und AfD als Partner für die Union nicht in Frage kommen.

In Österreich ist die Situation komplizierter und einfacher zugleich: Es gehört zur Tradition der alten wie der neuen ÖVP, keine Partei von vornherein als Partner auszuschließen. Oder anders gesagt: Sebastian Kurz verfügt über mehr Optionen als Merkel. Geht nicht, gibt’s für die ÖVP nicht.

Allerdings: "Jamaika" verfügt nach dem Stand der Umfragen über keine Mehrheit: Dazu müsste die ÖVP nicht nur die 30-Prozent-Marke deutlich überspringen und Grüne und Neos jeweils nah bei zehn Prozent zu liegen kommen. Nicht unmöglich, und trotzdem unwahrscheinlich.

Und selbst wenn: Inhaltlich müsste eine solche Konstellation wie in Deutschland hohe Klippen überwinden, abgemildert lediglich durch den größeren Pragmatismus der heimischen Parteien. Ulrike Lunacek, die Spitzenkandidatin der Grünen, hätte dennoch alle Hände voll zu tun, den Wiener Grünen eine Koalition mit Kurz und Neos-Chef Matthias Strolz schmackhaft zu machen. Das weiß auch der ÖVP-Obmann, weshalb fraglich ist, ob er sich eine Regierung mit solchen Fliehkräften antun würde, solange er über Alternativen verfügt. Und eine Prise Peter Pilz, also quasi "Jamaika"-Plus überstiege wohl sogar die Fantasie der ÖVP.

Die steht mit Schwarz-Blau bereit. Die FPÖ bestreitet diesen Wahlkampf mit unverhüllter Lust auf eine Regierungsbeteiligung; sogar über Ressortwünsche und Ministerkandidaten plaudern die Freiheitlichen mitten im Wahlkampf recht unverkrampft. Man weiß: Die FPÖ hat ein gutes Blatt, der nächsten Regierung anzugehören; falls es mit der ÖVP nicht klappt, könnte man ja notfalls noch der SPÖ ein Angebot unterbreiten, das diese nicht imstande wäre abzulehnen.

In der Volkspartei sieht man der Möglichkeit von Schwarz-Blau eher gefasst ins Auge. Die Vorfreude hält sich in Grenzen: Allen ist klar, dass eine FPÖ in der Regierung ein fragiles Konstrukt ist. Das trifft mittlerweile zwar auf alle Parteien zu, aber auf die Blauen eben ganz besonders. Zwei Mal hat sie eine Koalition zum Platzen gebracht, das erste Mal Rot-Blau 1986 mit der Wahl Jörg Haiders zum Obmann, das zweite Mal Schwarz-Blau 2002 mit der Knittelfelder Delegiertenversammlung; Schwarz-Orange hat dann nur durchgehalten, weil es nach dem Debakel bei den Wahlen 2002 nichts mehr gab, das sich spalten hätte können.

Die ÖVP wird also wohl mit der FPÖ zusammengehen, aber mit Bauchweh. Kurz könnte allenfalls die SPÖ beknien, doch bitte, bitte die Sache mit der Opposition noch einmal zu überdenken. Aber selbst wenn die Roten einwilligen sollten, müsset sich Kurz fragen lassen, warum er Neuwahlen vom Zaun gebrochen hat, wenn jetzt die einzige Neuerung darin besteht, dass die ÖVP den Kanzler stellt und die SPÖ den Vize gibt.

Der größte Unterschied zu Deutschland besteht aber darin, dass in Berlin keine Regierung ohne Merkel und die Union gebildet werden kann, in Österreich ist eine Koalition ohne Kurz und die ÖVP sehr wohl möglich. Obwohl: Wenn sich Rot-Blau ausgehen sollte, würden 92 Mandate, die geringste mögliche Mehrheit bei 183 Abgeordneten, angesichts der Brisanz der Konstellation nicht reichen. Und dann müsste auch noch die auf Anti-FPÖ-gepolte Wiener SPÖ ihren Segen geben. In Summe nicht unmöglich, aber eben doch unwahrscheinlich.

Bleiben die Spekulationen über eine Minderheitsregierung. Die hat in beiden Staaten keine Tradition, auch wenn in Österreich alle auf Bruno Kreisky verweisen, der 1970 mit einer von der FPÖ geduldeten Minderheitsregierung eine Ära der SPÖ-Dominanz einläutete. Derzeit fehlt es nicht nur an einem neuen Kreisky, sondern vor allem auch an einer vergleichbaren politischen Konstellation.