In Simmering wollen die Genossen an die rote heile Welt glauben. 401 Stimmen hin oder her. - © Sebek Manfred
In Simmering wollen die Genossen an die rote heile Welt glauben. 401 Stimmen hin oder her. - © Sebek Manfred

Wien. Christian Kern ist stolz auf seine Herkunft. In seinem ersten Wahlkampfwerbespot joggt er durch Simmering, vorbei an dem Gemeindebau in der Kaiserebersdorfer Straße, wo er mit seiner Schwester, und seinen Eltern, einem Taxifahrer und einer Sekretärin, aufgewachsen ist. "Es gab wenig Geld, dafür viel Liebe", sagt er im Spot. Ruhig erzählt er, wie sich die Familie alles absparen musste, die Sonderangebote im Supermarkt abgegrast hat, dabei zu Fuß gegangen sind, weil die Fahrscheine zu teuer waren. Aus dem Manager Kern im Slimfit-Anzug wird plötzlich das Arbeiterkind mit Topfhaarschnitt. Nah, bodenständig, rührend. "An Herausforderungen wächst man ja und wird zum Kämpfer", resümiert er.

Noch immer schaut er einmal die Woche vorbei in Simmering, besucht die Mutter, bringt ihr Blumen und tratscht mit ihr am Balkon, wie die Nachbarn erzählen. Man weiß um den berühmten Sohn. Seit knapp eineinhalb Jahren ist der Simmeringer nun Bundeskanzler. Und kämpft. Mit den Gegnern. Mit dem Boulevard. Und vor allem mit der eigenen Partei. Spätestens nach der Affäre um die Schmutzkübelkampagne auf Facebook gegen seinen Kontrahenten ÖVP-Chef Sebastian Kurz, rückt ein SPÖ-Sieg am 15. Oktober immer weiter in die Ferne.

Seit zwei Jahren der neue Bezirkschef in Simmering: der Freiheitliche

Paul Stadler. - © Ursula Röck
Seit zwei Jahren der neue Bezirkschef in Simmering: der Freiheitliche
Paul Stadler. - © Ursula Röck

Sollte er den ersten Platz nicht erreichen, wird die Partei wohl nicht mehr in der Regierung sein. Kern verkündete im ORF-Sommergespräch Anfang September, dass dann nur die Opposition bleibe, wenn die SPÖ Zweiter oder Dritter werde. Die SPÖ in Opposition? Weg von der Macht? Wird das der Partei guttun? Ein bisschen Kräfte sammeln, ein bisschen Profil schärfen und das von der Hinterbank aus? Kann das gelingen?

Rote Welt ist auf 25 Quadratmeter geschrumpft

Peter Kriz verzieht das Gesicht. Nie würde er seinen Chef kritisieren. Vor allem nicht in der Öffentlichkeit. Das habe ihm 56 Jahre SPÖ-Parteimitgliedschaft gelehrt. "Ich folge unserem Kanzler und Parteivorsitzenden, weil ich darauf vertraue, was er tut", sagt der 69-Jährige, "aber wir sollten uns gut überlegen, wo wir unseren Leuten am Besten helfen können. Was erreichen wir in der Opposition mehr, als wenn wir in die Koalition gehen? Gar nicht dabei zu sein, ist gut zu überlegen."

Seit zwei Jahren abgeschnitten von der Information, der Sozialdemokrat Peter Kriz. - © Ursula Röck
Seit zwei Jahren abgeschnitten von der Information, der Sozialdemokrat Peter Kriz. - © Ursula Röck

Der Simmeringer weiß, was es heißt, nicht mehr vorne dabei zu sein. Seit zwei Jahren sitzt der SPÖ-Bezirksrat in Opposition. Und er hasst es. 70 Jahre lange war sein Bezirk rotes Hoheitsgebiet. Absolut haben die Sozialdemokraten hier regiert. So stark war man im einstigen Arbeiterbezirk. Stolz hat man in Simmering den Mythos vom roten Wien aufrechterhalten. Auch dann, als er im Rest von Wien nur noch an Feiertagen ausgegraben wurde. Das war Ehrensache. In Simmering war man kämpferische Arbeiterklasse. Nicht bemitleidenswertes Prekariat. Man war stolz auf seine proletarische Identität. Und brachte es Wahl um Wahl an der Urne zum Ausdruck.