Wien. Drei Tage vor der Nationalratswahl am Sonntag haben sich Christian Kern und Sebastian Kurz im letzten TV-Duell noch einmal einen harten Schlagabtausch geliefert. Und wieder agierte der Bundeskanzler und SPÖ-Spitzenkandidat wie der Herausforderer, ständig im Vorwärtsmodus, immer auf Attacke aus, während der Außenminister und ÖVP-Spitzenkandidat es eher defensiv anlegte. Zu Beginn jedenfalls. Denn mit Fortdauer der Diskussion schaltete auch Kurz in den Angriffsmodus um.

Dass es nicht erneut zu einem Zweikampf ohne Rücksicht auf eigene Verluste wie am vergangenen Sonntag kommt, war Moderatorin Claudia Reiterer zu verdanken. Sie sorgte dafür, dass beide Kandidaten immer wieder auf die Sachebene zurückkehrten.

Es begann mit der eigentlich unverfänglichen Frage, was denn einen guten Kanzler auszeichne. Während Kurz hier Führungsstärke und Durchsetzungsfähigkeit anführte, erinnerte Kern als Bruno Kreisky und Franz Vranitzky, die ihn beide geprägt hätten, während Kurz ja Wolfgang Schüssel nacheifere, bekanntlich der Kanzler von Schwarz-Blau.
Nächstes Thema: Wie und wo sparen? Kurz will bei den Staatsausgaben ansetzen und die Effizienz der staatlichen Dienstleistungen steigern. Kern verspricht den Hebel bei Förderungen und den Auswüchsen des Föderalismus anzusetzen. Wirklich konkret wird aber keiner der beiden Kandidaten.

Immer wieder sucht Kern die Offensive, wirft seinem Gegner eine Verschleppungstaktik vor, etwa bei der Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten, beim Unterhalt für alleinerziehende Frauen. Beidem hat die ÖVP grundsätzlich zugestimmt, will aber heute im Nationalrat nicht zustimmen. Ihr Argument: keine Husch-Pfusch-Gesetze wenige Tage vor der Wahl.

Ähnlich die Rollenverteilung auch in der Steuerdebatte: Kern beschreibt Kurz als Anwalt der Reichen und Konzernchefs, Kurz Konter fällt hart aus: "Tal Silberstein sitzt im Gefängnis, das Dirty Campaigning geht trotzdem weiter." Es war allerdings das einzige Mal in dieser Debatte, wo der Name des umstrittenen SPÖ-Wahlberaters fiel. Ansonsten betonten beide, es werde mit ihnen eine Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen geben.

Einer der wenigen Bereiche, in dem weitgehende Einigkeit in der Sache bestand, war bemerkenswerterweise die Migrationsfrage. Beide Kanzlerkandidaten wollen einen funktionierenden Schutz der EU-Außengrenze, den Stopp illegaler Einwanderung sowie Hilfe für die Menschen vor Ort.

Ob eine Zusammenarbeit von SPÖ und ÖVP nach der Wahl nach diesem unterirdischen Wahlkampf noch möglich ist? Weder Kern noch Kurz antworten mit einem Nein. Immerhin. Aber unwahrscheinlich bleibt Rot-Schwarz oder Schwarz-Rot trotzdem. Es sei denn, der FPÖ gelingt der Coup und sie erobert am Sonntag Platz eins. Die Rohdaten sagen: Das ist nicht ausgeschlossen. Am Wahltag kurz nach 17 Uhr werden wir es wissen.