Zum Beispiel?

Weltweit sterben 20.000 Menschen im Jahr aufgrund terroristischer Anschläge, 95 Prozent davon sind in islamischen Ländern. In Europa ist es neben dem Flüchtlingsthema das dominante Thema, obwohl die Wahrscheinlichkeit, im eigenen Haus auf einer Seife auszurutschen und dabei zu sterben, um ein vielfaches höher ist als Opfer eines Anschlages zu werden. Im Gegensatz dazu sind Erzählungen, wie hoch der Lebensstandard hier ist, wie extrem sicher man hier lebt kaum zu finden. Der emotionale Mehrwert wird nirgendwo erwirtschaftet. Der wird immer mit Angst erwirtschaftet. In der Bundesrepublik gibt es mittlerweile den Mythos, dass es unglaublich viele Menschen gäbe, die sich abgehängt fühlten, die Globalisierungsverlierer wären, die Angst hätten, wütend wären und sich nicht gehört fühlten. Diese Erzählung wird in der Phase von Hochkonjunktur gemacht und ist überhaupt nicht daran gebunden, was im Land überhaupt los ist.

Hinzu kommen die Sozialen Medien, die auch Ängste verstärken und Vorurteile verbreiten.

Die politische Kommunikation hat sich dadurch sehr rasch verändert. Indem zum Beispiel das Augenmerk auf die Anzahl der Follower gelegt wird, die bei den Neurechten natürlich um ein Vielfaches höher sind als bei anderen. Und die anderen Parteien meinen, da müssten sie auch hin. Aber genau davon muss man weg. Eine Struktureigenschaft dieser Sozialen Medien ist, dass sie für bestimmte Leute sehr viel attraktiver sind als für andere. Wir wissen mittlerweile, dass diejenigen, die ständig kommentieren, die sich ständig aufregen, eine hermetische Gruppe ist, die exakt damit ihr Medium gefunden hat - also keinen Querschnitt der Bevölkerung abbilden.

Was Vorurteile betrifft: Die Leute mögen sie. Vorurteile funktionieren unabhängig von den empirischen Gegebenheiten. Sie sind selbstdienlich. Man braucht sie, da sie Orientierung geben. Deshalb lassen sich Vorurteile nicht aufklären. Auch nicht durch Sachargumente.

In Ihrem Buch "Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft" schreiben Sie, dass Rechtspopulisten in der Minderheit sind. Inwieweit hilft uns dieser Befund weiter angesichts der Tatsache, dass Rechtspopulisten regieren, wie in Polen oder Ungarn.

Wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, dann ist es in den Brunnen gefallen. Ich kann Demokratie verteidigen, solange die Demokratie besteht. In den USA wäre es auch intelligent gewesen, vor der Wahl von Trump zu demonstrieren und nicht hinterher. Zum einen muss man aktiv werden, solange noch nichts Schlimmes passiert ist. Zum anderen: Wir leben in politischen Kulturen, wo gelegentlich mal eine andere Partei die Regierung stellt oder in Koalition geht. Bislang galt der Konsens, dass sich trotz Regierungswechsels grundsätzlich nichts verändert. Es wird plötzlich nicht alles auf den Kopf gestellt. Und diesen Konsens brechen die Neurechten auf - siehe Ungarn, Polen oder die Slowakei und möglicherweise Österreich. Denn in dem Moment, wo die Neurechten dann tatsächlich die Macht erobert haben, dann marschieren sie durch, setzen Verfassungsänderungen, offene Rechtsbrüche, die im Nachhinein legitimiert werden, durch. Das ist neu. Das kennen wir nicht und wir rechnen auch nicht damit. Weil es jahrzehntelang nicht passiert ist.