- © Süleyman Kayaalp/Westend61/picturedesk.com
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Wien. Es wird noch ein wenig dauern, bis wir aus diesem Wahlkampf schlau geworden sind. Das gilt für die Bürger wie die Parteien, die Berater wie die Journalisten. Weder existiert eine schlüssige Erklärung für das Phänomen Sebastian Kurz noch für den Selbstauflösungsprozess, der die SPÖ erfasst hat. Und was die Grünen angeht, so verstehen nicht einmal deren Funktionäre, wie es kam, dass plötzlich zweieinhalb grüne Listen kandidieren. Nur die FPÖ liegt da wie ein offenes Buch. Auch das ist kein kleines Wunder. Im Folgenden ein subjektiver Rückblick in fünf Akten.

1. Akt: Zwei Opfer, zwei Helden

In Österreich ist nie klar, wann ein Wahlkampf wirklich beginnt, und noch weniger, wann er endet. Diesmal spricht alles dafür, dass der Wahlkampf für die Nationalratswahl, die eigentlich im Herbst 2018 stattfinden sollte, kurz nach dem 1. Mai 2016 begann. Damals steht Werner Faymann als Kanzler und SPÖ-Vorsitzender längst unter Druck. Im Hintergrund wird am Machtwechsel gearbeitet. Nach Protesten gegen Faymann beim Mai-Aufmarsch geht es ruckzuck: Die SPÖ hebt ÖBB-Chef Christian Kern auf den Schild. Der Wahlsieg scheint nur mehr Formsache.

In der ÖVP haben Obleute traditionell nichts zu lachen. Das erfährt auch Reinhold Mitterlehner, der erst 2014 von den Parteitagsdelegierten mit 99,1 Prozent gewählt wurde. Mit der Kür Kerns ist Mitterlehner Obmann auf Zeit, hinter den Kulissen bereitet Außenminister Sebastian Kurz die Machtübernahme vor. Im Mai 2017 hat der Oberösterreicher genug von dem Theater, Kurz übernimmt die ÖVP und erklärt das Ende der Koalition.

2. Akt: Aufwärmen für die heiße Phase

Ab jetzt wird deutlich, wer von den beiden Regierungsparteien über eine Strategie verfügt. Die SPÖ ist es nicht. Zwar hat Kern bereits im Jänner mit seinem "Plan A" alle Weichen auf Wahlkampf gestellt, doch mit dem Sturz Mitterlehners und der Kür Kurz’ gerät die SPÖ-Kampagne ins Trudeln.

Das Ende der Koalition scheint die SPÖ zu überraschen, dabei sucht sie seit Monaten den besten Moment für einen Absprung. Dann will Kern Kurz ins Vizekanzleramt zwingen und muss doch den Justizminister akzeptieren; verärgert kündigt die SPÖ im Parlament ein freies Spiel der Kräfte an, schreckt aber vor den Folgen zurück. Erst Wochen später wagt die SPÖ zaghafte Beschlüsse gegen die ÖVP, und jetzt eben, drei Tage vor der Wahl, die Angleichung der Rechte von Arbeitern und Angestellten. Bis zu diesem Zeitpunkt hat es den Anschein, als ob das ein recht normaler Wahlkampf mit, für heimische Verhältnisse, überdurchschnittlich qualifizierten Spitzenkandidaten werden könnte.