Wien. Bundespräsident Alexander van der Bellen gab am Vormittag zusammen mit Gattin Doris Schmidauer in der Volksschule Spalowskygasse in Wien-Mariahilf seine Stimme ab. Es sei "viel möglich", meinte Van der Bellen auf Fragen von Journalisten nach dem möglichen Wahlausgang. Er traue den vielen Umfragen "nicht sehr".

Er hoffe jedenfalls auf eine hohe Wahlbeteiligung, denn: "Wählen ist kein Luxus, sondern Pflicht". Auf die Frage, ob er eine Regierungsbeteiligung der FPÖ angesichts der sehr kritischen Position der Freiheitlichen zu EU akzeptieren würde, meinte Van der Bellen, er lege "großen Wert auf eine proeuropäische Regierung". Österreich sei in der Union "besser aufgehoben, die Folgen der Brexit-Entscheidung der Briten müssten allen zu denken geben.

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Zum Prozedere nach der Wahl erklärte der Bundespräsident, dass er jedenfalls am Dienstag die derzeitige Bundesregierung nach deren Demissionierung mit der Fortführung der Geschäfte beauftragen werde. Ansonsten werde in der kommenden Woche "viel telefoniert und gesprochen"

Seit 8.00 Uhr haben fast alle 10.200 Wahllokale für die heutige Nationalratswahl geöffnet. Ein guter Teil der 6,4 Millionen Wahlberechtigten hat schon gewählt: Nicht nur die Frühaufsteher, sondern auch die Briefwähler. Deren Stimmen dürften heuer ein Rekordniveau erreichen - und könnten den Ausschlag geben, wenn die Urnenwahl am Sonntag ein knappes Ergebnis bringt.

Fast 890.000 Wahlkarten wurden beantragt. Damit dürften nach Schätzungen der ARGE Wahlen-Hochrechner rund 780.000 Stimmen per Briefwahl oder - ein kleiner Teil - auch mit Wahlkarte in "fremden" Wahllokalen abgegeben werden. Damit dürften im vorläufigen Endergebnis Sonntagabend noch rund 15 Prozent der gültigen Stimmen fehlen.

Ausgezählt werden diese Stimmen erst in der Woche nach der Wahl: Am Montag die der "klassischen Briefwähler" - und am Donnerstag die Wahlkarten-Stimmen und noch ein (kleinerer) Teil der Briefwahlstimmen, nämlich jene, die am Sonntag in einem Wahllokal in einem "fremden" Wahlkreis abgegeben wurden. Diese Möglichkeit gibt es heuer erstmals. Damit lässt sich schwer abschätzen, wie viele es sein werden - zwischen 50.000 und 100.000 vermuteten Experten.

Möglicherweise wird also erst am Donnerstag klar sein, wer tatsächlich den ersten Platz erobert hat. Dann hätte ihr Parteichef Sebastian Kurz mit seinen 31 Jahren gute Chancen, der jüngste Bundeskanzler der Zweiten Republik - und unter den aktuellen Regierungschefs weltweit - zu werden. 2013 lag die ÖVP mit 23,99 Prozent noch deutlich hinter der SPÖ. Auch deren Spitzenkandidat, Kanzler Christian Kern, führt seine Partei erstmals in eine Wahl. 2013 war sie noch klar mit 26,82 Prozent Erste - rutschte damit aber, wie die ÖVP auch, noch ein Stück weiter in den historischen Tiefststand.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hofft in seiner vierten Wahl auf einen weiteren Zuwachs zu den 20,51 Prozent aus 2013 - und auf eine Beteiligung an der nächsten Regierung. Denn sein Wahlziel ist, die Fortsetzung der Großen Koalition zu verhindern. Diese hat Kurz bei seiner Kür zum Parteichef im Frühjahr auch aufgekündigt - und somit die Neuwahl ausgelöst. Eigentlich hätte der Nationalrat erst nächstes Jahr gewählt werden müssen.

Die zwei kleineren Parlamentsparteien Grüne und NEOS müssen laut den Umfragen um den Verbleib im Nationalrat zittern. Die Grüne Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek hofft aber, nicht allzu viel von den 12,42 Prozent aus 2013 zu verlieren - das war das bisher beste Grün-Ergebnis bei den bisher 21 Nationalratswahlen. Konkurrenz macht den Grünen allerdings ein langjähriger Abgeordneter aus den eigenen Reihen - Peter Pilz, der mit eigener Liste antritt, und gute Chancen hat, damit im Nationalrat zu bleiben. NEOS-Chef Matthias Strolz will sich im Nationalrat behaupten, den seine Partei 2013 recht überraschend auf Anhieb mit 4,96 Prozent erobert hat.

Vier weitere Parteien treten österreichweit an: Die Liste Gilt von Roland Düringer, die Freie Liste Österreich des Ex-FPÖ-Politikers Karl Schnell, die Weißen und die KPÖ, gemeinsam mit den Jungen Grünen. Ihre Chancen auf Mandate sind eher gering - und keine Chancen haben die sechs Parteien, die nur in einzelnen Ländern am Stimmzettel stehen.

Verteilt werden bei der Nationalratswahl 183 Mandate. 2013 bekam die SPÖ 52, die ÖVP 47, die FPÖ 40, die Grünen 24, die NEOS 9 und das Team Stronach 11. Die Partei Frank Stronachs hat sich mittlerweile aufgelöst - und deshalb, aber auch wegen der Gründung der Liste Pilz und sonstigen Zu- und Abwanderungen, hat jetzt zu Ende der Legislaturperiode keine Partei mehr den Mandatsstand, den sie nach der Wahl hatte. SPÖ und ÖVP haben mittlerweile 51 Abgeordnete, die FPÖ 38, die Grünen 21, die NEOS acht - und dazu gibt es 14 "wilde" Mandatare.

Der neue Nationalrat mit den 183 neu gewählten Abgeordneten tritt erstmals am 9. November zusammen - und zwar im Ausweichsquartier in der Hofburg. Denn das Parlamentsgebäude am Ring wird renoviert.