Hätte es Kern in der Opposition dadurch leichter?

Die Opposition hat es immer leichter, weil sie bei der Umsetzung ihrer Themen nicht auf die Probe gestellt wird. Mit der Opposition sympathisiert man und solidarisiert man sich viel schneller. Vielleicht will die FPÖ daher (vorläufiges Ergebnis: 26 Prozent, Anm.) ja gar nicht in die Regierung.

Dieser Wunsch nach Veränderung, das unzufrieden Sein mit der aktuellen Politik: Ist das nicht ein Wesenszug, der der Gesellschaft grundsätzlich anhaftet - egal, welche Parteien gerade in der Regierung sitzen?

Heute sehe ich diesen Wunsch deutlicher als früher, weil er viel mit Werten zu tun hat. Früher hat man eher ältere Menschen mit Erfahrung gewählt. Unsere heutige Gesellschaft mit Social Media und Internet wird immer schnelllebiger, sie ist aufs Neue, Junge fokussiert. Man will alles schnell und sofort. Auch die Veränderung.

Haben die Menschen tatsächlich Veränderung gewählt?

Grundsätzlich sieht man in ganz Europa die Tendenz, dass junge Männer die "alten Dinosaurier" ersetzen. In Frankreich Emmanuel Macron (der 39-Jährige ist seit 14. Mai 2017 Staatspräsident Frankreichs, Anm.) und in Österreich der 31-jährige Sebastian Kurz. Deren Politik ist aber nur scheinbar progressiv. Es sind alte Ideen mit frischen Gesichtern.

Macron bekommt den Widerstand bereits zu spüren, Hunderttausende protestierten gegen seine Arbeitsmarktreform. Und die Wahlkampf-Themen der "Liste Sebastian Kurz - die neue Volkspartei", zu denen zum Beispiel eine Lohnsteuersenkung und "Mindestsicherung light" gehörten, ähnelten ebenfalls jenen der "alten" ÖVP.

War die Nationalratswahl in Österreich eine Protestwahl?

Das würde ich so nicht sagen. Die SPÖ hat ihre stabile Basis von mehr als 25 Prozent der Wählerstimmen gehalten. Die ÖVP und die FPÖ haben das Flüchtlingsthema genutzt. Daraus resultiert, dass die SPÖ nicht mehr da ist, wo sie einmal war.