1919 zogen die ersten weiblichen Abgeordneten der Sozialdemokratie ins Parlament ein: 1. Reihe: Adelheid Popp, Anna Boschek 2. Reihe: Gabriele Proft, Therese Schlesinger 3. Reihe: Marie Tusch, Amalie Seidel...
1919 zogen die ersten weiblichen Abgeordneten der Sozialdemokratie ins Parlament ein: 1. Reihe: Adelheid Popp, Anna Boschek 2. Reihe: Gabriele Proft, Therese Schlesinger 3. Reihe: Marie Tusch, Amalie Seidel...

Wenigstens darüber sind sich alle einig: Die Sozialdemokratie kann auf eine glänzende Vergangenheit verweisen, auch und vor allem in Österreich. Die Gegenwart erzählt von einem Niedergang, der sich quer durch die einst mächtige westliche Welt zieht und auch die Alpenrepublik erfasst. Was nun die Zukunft angeht, so macht sich die SPÖ Mut mit dem Glauben, dass es dringend wieder einer starken Sozialdemokratie bedürfe. Womöglich kommen die guten alten Zeiten aber auch nie zurück.

So ungefähr ist das Stimmungsbild in der SPÖ vor den Nationalratswahlen am 15. Oktober. Zeit, sich auf die Suche nach dem Bindemittel zu begeben, das die SPÖ zusammenhält. "Zwei Überzeugungen", sagt Maria Maltschnig, die Direktorin der SPÖ-Parteiakademie: "Die SPÖ will für alle Menschen Politik machen, die von der Arbeit ihrer Hände und Köpfe leben müssen, die nicht in reiche Familien hineingeboren wurden. Und wir glauben, dass eine Welt möglich ist, in der alle frei leben können."

Also die SPÖ als die Partei der 99 Prozent? "Nicht ganz", korrigiert Maltschnig, "die Partei der 95 Prozent ist realistischer. Immer ist von der Erosion der Arbeiterklasse die Rede, das stimmt vielleicht für den klassischen Industriearbeiter, aber das bedeutet nicht, dass es weniger Arbeitnehmer gibt, sondern nur, dass diese Gruppe immer heterogener wird."

Tatsächlich jedoch grundelt die SPÖ in Umfragen unter 30 Prozent und Politik macht sie nicht für 95 Prozent, sondern vor allem für ihre Kernklientel: Pensionisten, Mieter, ÖBB, Wiener Magistrat. Und mitunter, etwa in Vorarlberg, ist sie sogar eher die 5-Prozent-Partei. "Ja, teilweise haben Sie recht", gesteht Maltschnig zu, "deshalb hat Christian Kern den Plan A entworfen."

"Das ist der Versuch, vielen unterschiedlichen Gruppen ein Angebot zu machen: den neuen Selbständigen, kleinen Unternehmern, klassischen Arbeitnehmern, Angestellten im Dienstleistungssektor. In der Vergangenheit war die SPÖ zu eng aufgestellt, das soll sich jetzt ändern."

Die Zuversicht, dass dies auch klappen könnte, bezieht die Vertraute von Bundeskanzler Kern aus der Zuspitzung der Verteilungsfrage: "Nur ein ganz kleiner Teil hat vom Wachstum profitiert, das dafür in gigantischem Ausmaß." Dass auch die Sozialdemokratie, von Clinton über Blair bis zu Schröder mitgewirkt hat, sieht auch sie so, "aber die SPÖ war hier weit weniger eifrig als der Rest der europäischen Sozialdemokratie".