Wien. Dijana P. wird am 15. Oktober, dem Tag der Nationalratswahl, vieles tun - wählen wird sie allerdings nicht. Nicht weil sie nicht möchte, sondern weil sie nicht darf. "Ich empfinde das schon als unfair", sagt die 22-jährige bosnische Staatsbürgerin. Immerhin wurde sie in Österreich geboren, wuchs in Kärnten auf, lebt heute als Studentin in Wien.

Sie ist nicht alleine. Anfang 2017 hatten 1.341.930 Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft ihren Lebensmittelpunkt in Österreich – davon 1.109.286 im wahlberechtigten Alter. Sie dürfen bei der kommenden Nationalratswahl ihre Stimme nicht abgeben, da das Wahlrecht an den Besitz einer österreichischen Staatsbürgerschaft gekoppelt ist.

667.201 dieser Personen kommen aus einem Drittstaat und sind so wie Dijana von der Teilnahme an Gemeinde-, Landtags- und Nationalratswahlen ausgeschlossen. Die restlichen 664.729 sind EU-Bürger und dürfen zumindest bei der Wahl zum Europaparlament, sowie bei Wahlen auf Gemeindeebene ihre Stimme abgeben.

Die Schere öffnet sich

Im Laufe der vergangenen Jahre schrumpfte die Zahl der Wahlberechtigten, im Gegenzug stieg jedoch die Zahl jener, die nicht wählen dürfen. Wien ist hierfür ein Extrembeispiel: 1.580.950 Einwohner im wahlberechtigten Alter zählte die Stadt zu Jahresbeginn – 444.611 davon besitzen keine österreichische Staatsbürgerschaft und dürfen somit nicht wählen. Das sind 28 Prozent der potentiell wahlberechtigten Bevölkerung der Stadt.

Österreichweit stieg die Zahl an ausländischen Staatsbürgern von 829.679 im Jahr 2008 auf 1.341.930 zu Jahresbeginn 2017. Im Gegenzug schrumpfte die Anzahl der österreichischen Staatsbürger im gleichen Zeitraum um 47.375 Personen.

Für den Politikwissenschafter Gerd Valchars, Experte für Staatsangehörigkeit und Migrationsforschung, ist diese Entwicklung ein eklatantes Problem. Seines Erachtens nach könne nicht von einem allgemeinen Wahlrecht gesprochen werden, wenn bundesweit rund 15 Prozent der Bevölkerung im wahlfähigen Alter von der politischen Teilnahme ausgeschlossen werden.

"Unsere Demokratie hat sich längst zu einer defizitären Demokratie entwickelt", sagt Valchars. Die Auswirkungen wären folglich, dass Parteien nicht um diese größer werdende Gruppe werben müssten und deren politische Meinung daher kaum berücksichtigt werde. "Die Betroffenen sind in keinster Weise Subjekt, sondern rein Objekt der Politik."