Wien. Es gibt gute Nachrichten für die Grünen. Die grünaffinen Wähler sind nicht über Nacht aus Österreich ausgewandert, auch wenn das Debakel bei der Nationalratswahl darauf schließen lässt. Die grünaffinen Wähler sind nach wie vor im Land. Sie sind zahlreich, sie werden immer mehr. Doch sie wollen auch angesprochen werden. Und sie sind zu keinen Kompromissen bereit. Nicht bei Verkehrsthemen, nicht bei Umweltthemen, nicht bei der Pluralisierung der Gesellschaft.

Für die grünaffinen Wähler geht es nicht mehr um den Lebensstandard, sondern vor allem um die Lebensqualität. Die neue Mittelschicht, wie sie der Soziologe Andreas Reckwitz nennt, hat Ansprüche an das Leben, die sie auch einfordert. Von sich, von ihren Freunden, Partnern und Familie, von der Politik. Sie ernähren sich gesund, achten auf ihren ökologischen Fußabdruck, bedienen sich in anderen Kulturkreisen. Hier gehören fernöstliche Körperübungen wie Yoga genauso dazu, wie das Abhängen unter Proleten im Tschocherl nebenan.

Die neue Mittelschicht, oder auch die Gutmenschen, wie sie verächtlich genannt werden, und die Grünen. Eine bessere Symbiose scheint es nicht zu geben. Doch, warum haben sie nicht die Grünen gewählt?

Die Entfernung zwischen den Wählern und ihrer Partei zeigt sich gut am Beispiel der Wiener Grünen. In der grünen Hochburg hat die Partei am vergangenen Wahlsonntag zwei Drittel ihrer Stimmen verloren. Dabei stellen die Grünen mit Maria Vassilakou hier die Verkehrs- und Planungsstadträtin. Zwei Ressorts, mit denen eine für grünaffine Wähler passende Politik möglich ist.

Die große Leere nach dem Erfolg

Wie so eine Politik aussehen kann, zeigte die größte Landesorganisation noch bei ihrem Regierungseintritt vor sieben Jahren. Die Stadt baute 30er Zonen, reduzierte das Öffi-Jahresticket auf 365 Euro, beruhigte den Verkehr auf der Mariahilfer Straße, nachdem sich die Grünen nach zwei Jahren hitziger Diskussionen per Volksabstimmung durchsetzen konnten.

Die neue Mittelschicht war zufrieden. Ihre Vertreter kauften sich ein Jahresticket und flanierten stolz auf der Mitte der verkehrsberuhigten Shoppingmeile.

Doch anstatt die Mobilitätswende weiter voranzutreiben, lautstark einzufordern und sich für umweltschonende Fortbewegung ins Zeug zu legen, folgte die Vollbremsung. Ein Rendering für eine autofreie Ringstraße. Ein Rendering für eine Begegnungszone auf der Landstraßer Hauptstraße. Dann kam nichts mehr. Bei der Planung für die Schwedenplatz-Umgestaltung fehlte bereits eine ambitionierte grüne Handschrift. Das Ergebnis: Die vierspurige Autostraße am Rand des Platzes wird auch noch nach dem Umbau bestehen.