Paris/Wien. Wider Erwarten liegen nicht die Amerikaner voran, sondern die Australier. Pro Kopf konsumieren sie statistisch gesehen fast 320 Gramm Fleisch pro Tag. Das Heimatland des Burgers folgt allerdings nur knapp dahinter, hier sind es knapp 315 Gramm Fleisch, die Tag für Tag verzehrt werden.

Dass das zu viel ist, zeigt nicht nur die überproportional hohe Quote an Menschen mit Übergewicht in beiden Ländern. Die Fleischproduktion verschlingt auch enorme Ressourcen. So machen Weideland und für den Futtermittelanbau genutztes Ackerland laut der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO mittlerweile fast 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus. Und noch viel mehr Land würde gebraucht werden, wenn sich alle so ernähren würden wie Australier und Amerikaner. So reicht die derzeitige Welternte von etwas mehr als zwei Milliarden Tonnen Getreide durchaus aus, um zehn Milliarden Menschen zu ernähren, wenn sie vorwiegend vegetarische Kost zu sich nimmt - wie etwa in Indien. Bei italienischer Kost würde die Welternte aber nur für fünf Milliarden Menschen reichen. Und bei der von Burgern, Steaks und Eiern geprägten Ernährungsweise der US-Bürger wäre schon bei 2,5 Milliarden Schluss. "Die Nahrung, die wir konsumieren, und die Art und Weise, wie wir sie produzieren, bestimmt sowohl die Gesundheit der Menschen als auch jene des Planeten", sagt Tim Lang von der Universität London. "Und im Augenblick geht das in eine ziemlich falsche Richtung."

Die Menschheit konsumiert zu viel Fleisch. Wissenschafter fordern nun ein radikales Umdenken bei der Zusammenstellung unseres Essens. - © afp
Die Menschheit konsumiert zu viel Fleisch. Wissenschafter fordern nun ein radikales Umdenken bei der Zusammenstellung unseres Essens. - © afp

Wie ein anderer und besserer Weg aussehen könnte, hat Lang zusammen mit 37 anderen Wissenschaftern aus den Fachgebieten Ernährung, Landwirtschaft, Ökologie, Wirtschaft und Politikberatung erarbeitet. Sie haben in den vergangenen Jahren quasi einen Weltspeiseplan erstellt, der es ermöglichen soll, auch zehn Milliarden Menschen gesund zu ernähren, ohne den jetzt schon geschundenen Planeten weiter zu belasten. Nötig dafür wird nach Ansicht der aus 16 Ländern stammenden Experten allerdings eine radikale Änderung der Essgewohnheiten und der Nahrungsmittelproduktion sein. "So wie unser Ernährungssystem sich im 20. Jahrhundert radikal verändert hat, denken wir, dass es sich im 21. Jahrhundert radikal verändern muss", sagt Lang.

Klasse statt Masse

Um Gesundheit und Umwelt zu schützen, müssten die Menschen in reichen Ländern vor allem ihren Konsum von Fleisch- und Milchprodukten drastisch reduzieren, heißt es in der am Donnerstag im Fachblatt "The Lancet" veröffentlichten Studie. So sollten statistisch gesehen pro Tag und Kopf nur noch 7 Gramm Schweinefleisch und 7 Gramm Rindfleisch konsumiert werden - also ein Bruchteil jener 125 bis 150 Gramm, die sich in einem typischen Hamburger finden. Gleichzeitig müssten die Menschen doppelt so viel Gemüse, Obst und Nüsse zu sich nehmen.

Die Autoren der Studie gehen dabei durchaus ins Detail. So enthält der ideale Speiseplan ihrer Ansicht nach etwa 100 Gramm dunkelgrünes Gemüse wie Spinat oder Mangold, 100 Gramm oranges und rotes Gemüse wie Rotkraut oder Karotten und 200 Gramm Obst. Ebenso zu finden sind 250 Gramm Milch oder Milchprodukte und 230 Gramm Getreide. Auch ein Hauch Schweinefett ist erlaubt, Butter sollte dagegen vermieden werden.

Dass dieser Ernährungsplan, der nicht nur ein Instrument gegen Klimawandel und Umweltzerstörung, sondern auch zur Verhinderung von 11,6 Millionen ernährungsbedingten Todesfällen sein soll, nicht so einfach umzusetzen sein wird, räumen auch die Autoren ein. In jedem Fall gibt es ihrer Ansicht nach aber lohnenswerte Ansatzpunkte, wie etwa eine Landwirtschaft, die auf Klasse statt Masse setzt.

Bei der Lebensmittelindustrie und bei einigen Experten stößt die Studie aber dennoch auf Kritik: "Sie geht ins Extrem, um maximale Aufmerksamkeit zu erlangen", sagt der Generalsekretär des europäischen Milchindustrie-Dachverbands EDA, Alexander Anton. Mit Ernährungsempfehlungen müsse "verantwortungsvoller" umgegangen werden. Christopher Snowdon vom Institute of Economic Affairs in London spricht sogar von "Plänen von Überfürsorge-Staat-Aktivisten". Aus Sicht des Weltwirtschaftsrats für nachhaltige Entwicklung dagegen, müssten Regierungen allerdings sehr wohl dabei helfen, den Wandel mit nationalen Ernährungsrichtlinien und der Neuausrichtung von Agrarsubventionen voranzutreiben.