Peking. "Schon wieder zu spät!" Xu Qi entfährt ein gequältes Seufzen. Dabei ist es noch vor vier Uhr in der Früh, als sie am Peking University People’s Hospital eintrifft. Vor ihr hat sich bereits eine lange Warteschlage mit 100 Personen gebildet, die ersten haben offensichtlich direkt vor dem Eingangstor übernachtet.

Trotz der kühlen Morgentemperaturen herrscht eine aufgeheizte Stimmung, die von den Schwarzmarkthändlern zusätzlich angefacht wird. Sie verkaufen die begehrten Nummern, die später beim Einchecken an der Krankenhausrezeption benötigt werden. Das ist zwar verboten, aber Kontrollen und Schwerpunktaktionen konnten an dieser Praxis nichts ändern. "Ich hasse diese Typen bis ins Mark, aber ohne sie geht es leider nicht", sagt Xu Qi, während sie mit einem Händler um das Ticket feilscht.

Wie so viele andere ist auch sie aus der Provinz angereist, sie leidet an Atemwegsbeschwerden und Schmerzen im Rachenbereich. "Ich habe keine Wahl, alle kommen schließlich nach Peking", klagt sie.

China hat halb soviele Ärzte wie der OECD-Durchschnitt

Die langen Warteschlangen vor den Krankenhäusern sind in China und insbesondere in der Hauptstadt allgegenwärtige Symptome eines kranken Systems. Zwar wurde das Gesundheitssystem vor einer Dekade umgebaut, doch die Strukturprobleme sind nach wie vor gravierend. Für die Betreuung von 1000 Menschen stehen gerade einmal rechnerisch 1,6 Ärzte zur Verfügung; im OECD-Durchschnitt sind es doppelt so viele. Bei den Krankenschwestern und -pflegern klafft die Lücke noch weiter auseinander: Hier kommen auf 1000 Einwohner 1,8 Pflegekräfte, während der OECD-Schnitt bei 8,8 liegt.

Allerdings gibt es nicht nur zu wenig Personal, dieses wird auch an den falschen Stellen eingesetzt. Denn das Prinzip der Versorgung ist dreistufig: Theoretisch sollten sich kleinere Kliniken in Dörfern und Gemeinden um die Basisbetreuung kümmern und kommunale Gesundheitszentren um die etwas anspruchsvolleren Fälle. Tatsächlich strömen die Massen jedoch zu den besser ausgestatteten und spezialisierten Krankenhäusern in den Städten. Dementsprechend überlastet sind diese Einrichtungen, da sich Fachärzte auch um Krankheiten wie Grippe oder Kopfschmerzen kümmern müssen. Oft behandeln sie 200 Patienten pro Tag.

Das führt zu Spannungen. Und Skandalen. Erst im Juli wurden hunderttausenden Kindern fehlerhafte Impfstoffe injiziert, was zwar einen öffentlichen Aufschrei zu Folge hatte, aber kaum noch jemanden wirklich überraschte. An gefälschte und unwirksame Medikamente haben sich die Chinesen längst gewöhnt. Das Misstrauen sitzt tief, nicht nur gegenüber den öffentlichen Stellen und Konzernen, sondern auch gegenüber den Ärzten selbst.