Am Freitag sprach auch die erste Frau auf der Konferenz. Linda Ghisoni ist Untersekretärin im Vatikandiskasterium für Laien, Familie und Leben. Sie schlägt die Einrichtung von Standard-Prozeduren zur Rechenschaftspflicht von Bischöfen vor, um Anschuldigungen zuvorzukommen. Auf Ebene der Bischofskonferenzen sollten unabhängige Beratungskommissionen geschaffen werden, um die Diözesen bei der Rechenschaftspflicht auf denselben Stand zu bringen. In eine ähnliche Richtung hat zuvor auch der Erzbischof von Chicago, Kardinal Blase Cupich, argumentiert.

Die US-Kirche wollte schon im November bei ihrer Vollversammlung handeln und machte den Vorschlag, dass mit katholischen Laien besetzte Kommissionen über vertuschende Bischöfe urteilen sollten. Der Vorschlag war bahnbrechend, denn die Nachfolger der Apostel hätten damit ihre Leitungsfunktion abgegeben. Der Vatikan ließ die Abstimmung im letzten Moment abblasen. In Rom wartete Cupich am Freitag mit einem entschärften Vorschlag auf: Die Metropoliten einer Kirchenprovinz, also die Erzbischöfe, sollten besondere Ermittlungsbefugnisse bekommen und von Laien beraten werden.

Widerstand gegen
"null Toleranz"

Die Betroffenen wollen, dass "null Toleranz", wie sie der Papst versprochen hat, auch "null Toleranz" bedeutet. "Es gibt viel Widerstand gegen diesen Ausdruck", berichtet Kardinal O’Malley von den internen Diskussionen. Vielleicht, weil die Formel zu säkular anmutet, sagt der Vorsitzende der päpstlichen Kinderschutzkommission. Vielleicht ist der Grund aber auch, dass lückenlose Aufklärung und konsequente Laisierung von Tätern und vertuschenden Bischöfen ein Erdbeben in der Kirche zur Folge hätte.

Die Hauptperson, an die viele ihre Hoffnung knüpfen, ist nicht über alle Zweifel erhaben. Papst Franziskus schweigt bisher eisern zu den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Sie betreffen Missbrauchsopfer in Buenos Aires, die vergeblich um einen Termin beim früheren Erzbischof baten. Sie betreffen die von Jorge Bergoglio angeschobene Kampagne zur Verteidigung des zu 14 Jahren Haft verurteilen Missbrauchstäters Julio César Grassi in der Diözese Buenos Aires. Und sie betreffen die Frage, wie viel der Papst seit Beginn seines Pontifikats von den Missbräuchen des vor einer Woche in den Laienstand versetzten emeritierten Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, wusste.