New York/Newtown. Szenen wie die, die sich am Freitagvormittag an der Ostküste der USA abspielten, kommen nicht wirklich selten vor. Amokläufe gehören im Land, das in weiten Teilen die liberalsten Waffengesetze der Welt kennt, zwar nicht zum Alltag; aber sie bilden längst nicht jene Regel von der Ausnahme, als die sie die Waffenlobby gern darstellt. Aber anders als die Orte, in denen solche Wahnsinnstaten sonst passieren – sechs ähnliche, wenn auch kaum vergleichbare, bisher im Jahr 2012 und, laut dem linksliberalen Magazin "Mother Jones", die 61. ihrer Art in den vergangenen 30 Jahren –, liegt Newtown nicht in einem Vorort einer Großstadt im Mittleren Westen, nicht in einem Kaff im Süden oder an der nördlichen Peripherie.

Die Fakten zur jüngsten Tragödie, soweit sie bisher erfahrbar waren: Gegen halb zehn Uhr morgens Ortszeit betrat der 20-jährige Adam Lanza die Sandy Hook High School, eine der vier Volksschulen von Newtown, Connecticut und eröffnete, offenbar gezielt, aus zwei Handfeuerwaffen das Feuer. 26 Menschen starben im Kugelhagel, darunter 20 Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren.

Mutter eine Waffennärrin

Das 27. Opfer bildete Lanza, der sich selbst richtete. Bevor er sich, maskiert und mit kugelsicherer Weste, mit dem Auto auf den Weg in die nahe Schule machte, hatte er bereits seine Mutter Nancy ermordet, der die Waffen – je eine Pistole der Marken Glock und Stig Sauer sowie ein Bushmaster Sturmgewehr – gehörten. Wie die "New York Times" berichtete, soll Nancy Lanza, eine ehemalige Wall-Street-Brokerin, eine Waffennärrin gewesen sein, die ihre Söhne regelmäßig zum Schießstand mitgenommen haben soll – eine in der Gegend nicht ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung.

Newtown zählt rund 27.500 Einwohner und ist eine der reichsten Kleinstädte in einem der reichsten Bundesstaaten der USA. Die Gemeinde liegt im idyllischen Housatonic Valley, rund 100 Kilometer nordöstlich von New York City. Die Schockwellen der Tat verbreitete sich schnell übers ganze Land, mit teilweise nicht minder schockierenden Folgen, die großteils auf Missverständnissen beruhten. Nachdem zunächst von der örtlichen Polizei und den meisten US-Nachrichtenagenturen der ältere Bruder von Adam Lanza, der in Hoboken, New Jersey lebende 24-jährige Ryan Lanza, als Täter genannt worden war – der Steuerberater befand sich zu diesem Zeitpunkt, wie ihr Vater Peter, bereits in Gewahrsam – poppten auf diversen Social-Media-Kanälen, allen voran auf Facebook, "Fanseiten" auf, die diesen wahlweise abfeierten oder zum Teufel wünschten. Die Verwirrung entstammte der Tatsache, dass bei der Leiche Adam Lanzas nicht seiner, sondern der Personalausweis seines Bruders gefunden worden war. Ryan Lanza soll bei der Polizei angegeben haben, dass er mit seinem Bruder in den vergangenen zwei Jahren nicht gesprochen habe.