Toronto. Langsam aber sicher wird es eng im Garten. Mit seinen 2,6 Millionen Einwohnern ist Toronto (Spitzname: "City in a garden") nicht nur die größte Stadt Kanadas, sondern darf sich auch das am schnellsten wachsende urbane Zentrum Nordamerikas nennen. Rund 100.000 neue Menschen ziehen jedes Jahr in die Hauptstadt der Provinz Ontario, der Immobilienmarkt boomt: In Torontos Innenstadt wie an seinen sich ständig erweiternden Rändern - der Großraum Toronto zählt rund 5,6 Millionen Einwohner. Die Metropole verzeichnete ein Bevölkerungswachstum von 9,2 Prozent innerhalb der vergangenen sechs Jahre. Heute reiht sich buchstäblich ein Baukran an den anderen. Die junge urbane Siedlung (Toronto wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts gegründet) durchlebt derzeit einen Transformations-Schub. Die "Wiener Zeitung" hat den bekanntesten Chronisten dieser Wandlung getroffen: Shawn Micallef.

"Wiener Zeitung":Toronto ist die derzeit am schnellsten wachsende Metropole Nordamerikas. Wie sehr hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren verändert?

Shawn Micallef: Es gibt heute kaum andere Städte auf der Welt, in denen so viele Kräne herumstehen wie in Toronto. Wenn man mit einer Zeitmaschine eine Reise ins Jahr 1992 unternehmen könnte, würde man sie nicht wiederkennen, so dramatisch ist die Veränderung. 1992 steckte Toronto tief in einer Rezession, der Immobilienmarkt war am Boden. Heute bekommt die Skyline ständig ein neues Gesicht, weil immer mehr Wolkenkratzer in den Himmel schießen. Der Großteil davon beherbergt Apartments, aber es entstehen auch neue Bürogebäude - leider oft von einer Designqualität, auf die niemand wirklich stolz sein kann. Daneben wird in den Vororten gebaut als gäbe es kein Morgen. Nachdem es Richtung Nordosten und Westen keine natürlichen Wachstumsbarrieren gibt, sind diese seit den frühen Neunzigern explodiert: Was vor 20 Jahren noch Ackerland war, ist heute bevölkert. Dort sieht es aus wie in den Suburbs von Los Angeles, eine Art der Zersiedelung, die meiner Meinung nach problematisch ist. Nachdem die Stadt erst 1997 mit den umliegenden Gemeinden zum Großraum Toronto zusammengefasst wurde, entstand mit einem Schlag die fünftgrößte Gemeinde Nordamerikas.

Wo liegen die Probleme des Booms?

Durch das extrem schnelle Wachstum der Vororte macht sich dort ein Gefühl der Entfremdung zu dem bemerkbar, was sich in der Innen-, beziehungsweise Altstadt abspielt, dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Torontos. Einerseits profitiert man vom Boom, andererseits gibt es natürlich viele Leute, vor allem Künstler und arme Menschen, die der Gentrifizierung zum Opfer fallen, weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können. In Downtown gibt es Vierteln, die in den vergangenen Jahren ihre Einwohner komplett ausgewechselt haben. Zusätzlich werden vor allem in der Stadt Eigentumswohnungen und in den Vororten Eigenheime gebaut - kaum etwas zum Mieten. Mittelklasse-Familien können es sich kaum leisten, in Toronto ein Haus zu kaufen, von Arbeitern und ihren Familien ganz zu schweigen.

Welche Rolle spielt die Stadtpolitik in der Entwicklung Torontos?

Ach, die droht nie langweilig zu werden. David Miller, der Amtsvorgänger des jetzigen Bürgermeisters, war eine Art oberster Stadtbauherr, einer, der Prestigeprojekte anstieß - vom Typ her vergleichbar mit Boris Johnson (Londons Bürgermeister, Anm.) oder Michael Bloomberg (New York), wenn auch liberaler. Der heutige Bürgermeister, Rob Ford, ist ein populistischer Rechtsausleger, der für öffentliche Bauten wenig übrig hat und die Stadtregierung an der kurzen Leine halten will. Ford wurde in überwältigendem Maß von den Menschen in den Vororten gewählt und oft sieht es so aus, als ob er nur für diese Menschen, seine Klientel, Politik macht.

Nimmt die Politik der kanadischen Regierung Einfluss auf die Stadtentwicklung?

Die nationale Politik spielt praktisch keine Rolle. Was auch daran liegt, dass der konservative Premierminister Stephen Harper seine Basis vor allem in den ländlichen Gegenden Kanadas hat.

Wie sieht der typische Bewohner von Toronto aus?

Ein Motto von Toronto lautet "Verschiedenheit ist unsere Stärke", und tatsächlich ist die einzige Gemeinsamkeit der Menschen, ihre Unterschiede. In Toronto leben heute Angehörige aller Ethnien, Hautfarben, Religionen und Kulturen. In Downtown leben eher junge, gut ausgebildete Singles, kinderlose Paare und junge Familien. In den traditionellen Vororten finden sich vor allem Arbeiter und Migranten, während sich die Mittelklasse immer weiter an die Ränder bewegt.

Städte finden sich heute in einem globalen Wettbewerb um internationale Investoren und Touristen wieder. Wie platziert sich Toronto in diesem Wettbewerb, was ist die "Unique Selling Proposition"?

Toronto hatte schon immer Probleme damit, sich selbst zu definieren. Es ist sicher nicht die schönste, größte oder sexieste Stadt der Welt, aber was die Lebensqualität angeht, ist sie ein großartiger Ort. Ich nenne das, was Toronto auszeichnet, "urbanen Humanismus". Aber dieser Begriff würde sich wahrscheinlich schwer in eine Werbekampagne verpacken lassen.