Wien. Sie werden diskriminiert, geschlagen, misshandelt und oft sogar getötet - weil sie Frauen sind. In Zentral- und Südamerika ist die Zahl der Frauen, die jährlich vergewaltigt und ermordet werden, erschreckend hoch. Die Behörden unternehmen dagegen meist nichts.

Auch Monica wurde misshandelt (Name geändert). Die 28-jährige Kolumbianerin arbeitet als Frauenrechtsaktivistin, erhält wegen ihrer Tätigkeit immer wieder Morddrohungen. Als bewaffnete Gruppen ihren Lebensgefährten töten, flieht sie nach Bogota. Dort wird sie von einem Fremden vergewaltigt. Trotz Angst vor Rache meldet sie das Verbrechen der Polizei. Von einem Arzt untersucht wird sie zunächst nicht - erst Wochen später bekommt sie schließlich einen Termin. Der Doktor verschreibt ihr eine Medizin gegen Erkältung. Monate später erfährt sie, dass die Polizei die Ermittlungen gegen ihren Vergewaltiger eingestellt hat. Dieser bleibt unbehelligt.

Laut den Vereinten Nationen gehört die Region zu jenen Gebieten der Welt, in denen es am häufigsten zu Gewalt gegen Frauen und Femizid kommt. Femizid - das bedeutet, dass Männer Frauen wegen ihres Geschlechts töten.

Trauriger Spitzenreiter in Lateinamerika ist Mexiko, gefolgt von Guatemala, Costa Rica und Argentinien. Laut Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sind zwischen den Jahren 1985 und 2010 mehr als 34.000 Frauen in Mexiko getötet worden, wovon viele Fälle unter die Rubrik Femizid fallen. In der zentralamerikanischen Republik Guatemala werden jedes Jahr geschätzte 700 Frauen ermordet - die Dunkelziffer dürfte wie in fast allen Ländern der Region weitaus höher liegen, da die Morde oft vertuscht oder gar nicht angezeigt werden.

Ignorante Polizei

So bleibt auch ein Großteil der Täter unbestraft - vor allem bei häuslichen Gewaltverbrechen. "Geht eine Frau zur Polizei, heißt es oft: Über deinen Ehemann kannst du dich bei uns nicht beschweren", sagt Gaurie van Gulik, Frauenrechtsexpertin bei Human Rights Watch gegenüber der "Wiener Zeitung". Ermittlungen gegen Vergewaltiger oder Mörder werden oft frühzeitig eingestellt - ermordete Frauen werden häufig zu Prostituierten, Angehörigen von Jugendbanden oder Freundinnen von Drogenschmugglern erklärt und damit nicht für würdig befunden, ihren Tod aufzuklären. Oder aber die Fälle verschwinden einfach aus dem System. Gulik, die hauptsächlich in Kolumbien gearbeitet hat, fordert daher faire Gerichtsverfahren. "Die Justiz ist hier gefragt. Eine effektive Art, Gewalt vorzubeugen, ist zu zeigen: Es gibt Konsequenzen für Täter", sagt Gulik.

Aber wo liegen die Wurzeln dieser Brutalität, warum kommen Täter ständig frei? "Diese Femizide sind Teil eines Systems, in dem Frauen nicht genug wert sind, um sie am Leben zu lassen, sie nicht zu vergewaltigen oder zu schlagen", erklärt Gulik. In weiten Teilen der latein- und zentralamerikanischen Gesellschaft ist das patriarchalische Rollenverständnis tief verankert - die Frau soll sich unterordnen und gilt als minderwertig.

Derartige Einstellungen zu ändern, sei schwer. Gulik gibt sich bescheiden: "Ich glaube, dass es schon viel helfen würde, wenn sich der Umgang der Polizei mit Frauen ändern würde. Wenn die Polizei den Männern sagt: Ihr dürft eure Frauen nicht schlagen, dann hätte das zumindest eine kleine Wirkung auf die Gesellschaft", fordert Gulik.

In der von Bürgerkriegen geprägten Vergangenheit vieler Staaten Zentral- und Lateinamerikas ist die Gewaltschwelle generell niedrig. Hinzu kommen Drogenkonflikte und Bandenkriminalität. Darunter leidet die ganze Gesellschaft - und Frauen sind der Gewalt oft besonders wehrlos ausgesetzt.

Auch die oftmals prekäre politische Situation verschlimmert die Lage der Frauen. So befinden sich etwa in Kolumbien aufgrund eines anhaltenden bewaffneten Konflikts zwischen zwei bis drei Millionen Menschen auf der Flucht - sie wurden aus ihren Häusern vertrieben. "Unter diesen Frauen ist die Vergewaltigungsrate extrem hoch", sagt Gulik. "Sie sind wehrlos."

An das Bild der unterdrückten Frauen, die nicht wagen, für ihre Rechte zu kämpfen, glaubt die Expertin aber nicht. "Vor allem in Lateinamerika gibt es eine sehr starke Frauenrechtsbewegung." Leicht haben es die Aktivistinnen nicht; immer wieder erhalten sie Morddrohungen. Diese Einschüchterungsversuche wirken aber vor allem bei vielen der Opfer von Gewalttaten - sie würden sich aus Angst vor Rache des Täters oft nicht trauen, Hilfe bei den Frauenrechtsorganisationen zu suchen."