Neu Delhi. Gerade einmal 30 Stühle fasste der kleine Gerichtssaal, auf den ganz Indien mit seinen über 1,2 Milliarden Einwohnern blickte. Am Montag erschienen hier fünf der sechs beschuldigten Männer, die eine 23-jährige Studentin auf so bestialische Art vergewaltigt hatten, dass sie zwei Wochen später an ihren schweren inneren Verletzungen starb. Hunderte Menschen kämpften um einen Platz im Gerichtsgebäude im Süden der indischen Hauptstadt Neu Delhi. Nach chaotischen Szenen schloss Richterin Namrata Aggarwal die Öffentlichkeit von der Verhandlung aus, damit die fünf Beschuldigten in den winzigen Saal gebracht werden konnten. "Der Gerichtssaal platzt aus allen Nähten. Es ist daher unmöglich, dass das Gericht unter solchen Umständen tagt", sagte die Juristin zur Begründung.

Der Prozess-Auftakt zeigt, dass Indien bemüht ist, den schrecklichen Tod der Medizinstudentin nach einer Massenvergewaltigung in einem Bus rasch vergessen zu machen. Denn der Aufruhr rüttelt an den Grundfesten eines politischen Systems, in dem Bürgerrechte nur dann Platz haben, wenn dies von der Obrigkeit erwünscht ist.

Tätern droht Todesstrafe


So hatte die Polizei von Neu Delhi den Medien schriftlich "angeraten", nicht über den Prozess zu berichten. Eine Anzeige der Polizei hatte auch der TV-Sender "Zee News" erhalten, nachdem der Kanal ein Interview mit dem Freund der jungen Frau ausgestrahlt hatte, der die Polizei kritisiert hatte, dass sie untätig blieb, nachdem sie zum Vergewaltigungsopfer gestoßen war.

Insgesamt fünf Männer zwischen 18 und 35 Jahren müssen sich vor dem Gericht wegen Mordes, Kidnapping, Raub und Vergewaltigung verantworten. Ein sechster Beschuldigter ist erst 17 Jahre alt und kommt daher vor ein Jugendgericht. Die Sechser-Gruppe soll am 16. Dezember 2012 die junge Frau in einem Bus über eine Stunde vergewaltigt und mit Eisenstangen gefoltert haben. Die Täter könnten mit dem Tode bestraft werden. Zwei der Angeklagten könnten jedoch durch einen möglichen Gerichtsdeal mit milden Strafen davonkommen, nachdem sie sich dazu bereit erklärt haben, als Zeugen gegen ihre vier Komplizen auszusagen. Die Familie der getöteten Frau erklärte, die Kronzeugenregelung sei in diesem Falle nicht angemessen.

Die Mehrheit der Vergewaltigung in Indien wird gar nicht erst angezeigt, weil nur in den seltensten Fällen der Täter verurteilt wird. Laut amtlicher Statistik kamen im Jahr 2011 nur 15 Prozent der über 95.000 anhängigen Anklagen wegen Vergewaltigung vor ein Gericht. Der nun vorliegende Fall wird vor einem neu eingerichteten Gericht verhandelt, das sich vor allem mit Sexualverbrechen befassen und eine zügige Rechtsprechung für die Opfer garantieren soll. Indiens Justiz ist oft langsam und korrupt.