Möwen fliegen über den Tigris in Bagdad. Irak und Syrien beschuldigen die Türkei, zu viel Flusswasser zu verbrauchen. - © APAweb / AP / Karim Kadim
Möwen fliegen über den Tigris in Bagdad. Irak und Syrien beschuldigen die Türkei, zu viel Flusswasser zu verbrauchen. - © APAweb / AP / Karim Kadim

Ankara/Bagdad. Schnee, Eis und Regen: Im Osten Anatoliens gibt es Wasser in all seinen Formen im Überfluss. Allein in den vergangenen Tagen wurden die Zufahrtsstraßen zu mehr als 200 türkischen Dörfern in der Region von Schneemassen blockiert. Weiter im Südosten der Türkei, nahe der Grenze zu Syrien, erwarten die Meteorologen in den kommenden Tagen ergiebige Regenfälle.

Im Frühling wird sich das Schmelzwasser aus den Bergen in die beiden großen, sagenumwobenen Ströme Ostanatoliens ergießen: Euphrat und Tigris. Die beiden Flüsse sind nicht nur für die Türkei wichtig, sondern auch für die südlichen Nachbarn Syrien und Irak. Doch die Wassermenge sinkt seit Jahren dramatisch, und der Streit um die kostbare Ressource hat schon längst begonnen.

Bewässerung senkt Grundwasserspiegel

Eine neue Studie unter Mitarbeit der US-Raumfahrtbehörde NASA weist auf der Basis von Satellitenbildern den dramatischen Rückgang der Wasservorräte nach. Demnach betrug der Wasserverlust im Einzugsgebiet von Euphrat und Tigris in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 144 Kubikkilometer - das bedeutet, dass seit 2003 fast die dreifache Wassermenge des Bodensees verschwunden ist. Für mehr als die Hälfte des Rückgangs ist Raubbau am Grundwasser durch Bewässerungs- und Trinkwasserbrunnen verantwortlich, sagen die Forscher.

Als Ursprungsland von Euphrat und Tigris spielt die Türkei bei dem Problem eine Schlüsselrolle. Mit einem fast fertigen Netzwerk aus 22 geplanten Staudämmen greift Ankara massiv in das Wassersystem der beiden biblischen Ströme ein. Syrien und der Irak wittern dahinter auch geopolitische Motive.

Erst im vergangenen Monat warf der irakische Parlamentsabgeordnete Karim Elewi der Türkei vor, so viel Wasser zurückzuhalten, dass die Landwirtschaft im Irak schweren Schaden nehme. Die Türkei setze ihre geografische Lage für politische Zwecke ein, sagte Elewi. Damit spielte er auf das gespannte Verhältnis zwischen Ankara und der irakischen Zentralregierung in Bagdad an, die den türkischen Nachbarn als "feindlichen Staat" betrachtet.

Tausend neue Brunnen im Irak

Die Türkei dementiert, dass sie ihren relativen Wasserreichtum als Mittel für Machtspielchen benutzt. In einem Grundsatzpapier zur Wasserpolitik erklärte das türkische Außenministerium zudem, dass die durchschnittliche Wassermenge des Tigris zur Hälfte aus Zuflüssen im Irak selbst stammt, und nicht aus dem türkischen Abschnitt des Stroms. Wenn der Irak über einen sinkenden Pegel klage, müsse das Land die Schuld erst einmal bei sich selbst suchen, lautet der Vorwurf dahinter. Tatsächlich kritisiert die NASA-Studie, im Irak seien rund tausend neue Brunnen gebohrt worden.