Dhaka/Wien. (klh) Es ist ein tiefer Fall: Der dubiose Geschäftsmann Sohel Rana war es gewohnt, in seinem Büro in Savar, einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, Politiker bei ein paar Drinks zu empfangen. Der 35-Jährige hatte laut einem Bericht der "New York Times", in dem sich die Zeitung auf Offizielle aus Bangladesch bezieht, seine Geschäfte mit Landkäufen gemacht - und mit Drogenhandel. Er war so mächtig und einflussreich, dass er über dem Gesetz zu stehen schien. Doch nun sitzt Rana in Haft, wird der fahrlässigen Tötung beschuldigt und tausende aufgebrachte Demonstranten fordern seine Exekution.

Denn der Geschäftsmann ist der Besitzer des "Rana Plaza" - jenes Gebäudes, das ein Einkaufszentrum und Textilfabriken beherbergte und das vergangene Woche einstürzte. Mit jedem Tag steigen die Opferzahlen. Bisher wurden rund 400 Todesopfer geborgen. Der Hauseinsturz ist nicht der erste Unfall in Bangladeschs Industrie, aber der bisher schwerste.

Das südasiatische Land ist seitdem in Aufruhr. Fabriken mussten ihre Produktion wegen Protesten von Arbeitern vorübergehend einstellen.

Papst Franziskus meldete sich bei einer Generalaudienz zu Wort und sprach von "Sklavenarbeit": "Wie viele Menschen auf der ganzen Welt sind Opfer dieser Art Sklaverei, in der die Person der Arbeit dient und nicht umgekehrt. Ich rufe alle Brüder und Schwestern dazu auf, sich gegen den Menschenhandel zu wenden, zu dem diese Sklavenarbeit gehört", hieß es auf Radio Vatikan.

Die Tragödie lässt auch die Europäische Union nicht unberührt. Sie erwägt nun die Rücknahme von Handelsbegünstigungen für Bangladesch, sollten die Arbeitsbedingungen und Sicherheitsvorkehrungen dort nicht verbessert werden. Es bestehe unmittelbarer Handlungsbedarf, erklärten die Außenbeauftragte Catherine Ashton und Handelskommissar Karel de Gucht.

EU verlangt keine Zölle


Derzeit profitiert Bangladesch davon, dass die EU als größter Handelspartner keine Zölle auf die meisten im Land gefertigten Produkte einhebt. Damit diese Vereinbarung geändert wird, bedarf es aber der Zustimmung aller EU-Länder. Und das könnte bis zu einem Jahr dauern.

Die Textilindustrie wäre wohl sowieso nicht glücklich über eine derartige Maßnahme. Viele westliche Firmen ziehen die selbst im asiatischen Vergleich niedrigen Löhne nach Bangladesch. Die zumeist weiblichen Textilarbeiterinnen verdienen oft gerade einmal 30 Euro im Monat. Im eingestürzten "Rana Plaza" ließen Zulieferer des britischen Discounters Primark und der kanadischen Supermarktkette Loblaw produzieren. Die spanische Kette Mango ließ dort laut eigener Erklärung lediglich Muster fertigen. C&A und Kik hatten ihre Geschäftsbeziehungen zu einem Lieferanten, der in dem Haus produzierte, vor wenigen Jahren beendet.