Werner Kerschbaum ist überrascht vom Ausmaß der Armut. - © apa
Werner Kerschbaum ist überrascht vom Ausmaß der Armut. - © apa

Wien. 43 Millionen Europäer haben nicht genug zu essen. Das geht aus einem Report der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften hervor. Immer mehr Menschen am Kontinent sind auf Hilfe angewiesen, 120 Millionen Europäer sind per Definition armutsgefährdet. Die "Wiener Zeitung" hat mit dem Generalsekretär des Roten Kreuzes Österreich über diese Entwicklungen gesprochen.

"Wiener Zeitung": Wie sehr überrascht Sie das Ergebnis des Armutsberichts?

Werner Kerschbaum: Was mich überrascht hat, ist die Dimension: In Europa leben 120 Millionen Menschen , die armutsgefährdet sind; 40 Millionen sind nicht nur von Armut bedroht, sondern leben in manifester Armut. Dazu kommt die Tatsache, dass für 17 Millionen Menschen EU-Lebensmittelpakte auf einer regelmäßigen Basis geschnürt werden. Ich habe Europa nie so direkt mit Armut verbunden.

Was für Menschen beziehen in Österreich Lebensmittel vom Roten Kreuz?

Es sind vor allem alleinerziehende Mütter, Migranten und ältere Personen mit kleinen Pensionen. 2009 wurden noch Lebensmittel für 7500 Personen ausgegeben. Bis 2012 hat sich die Anzahl verzwanzigfacht. Wir haben jetzt 150.000 Personen, die von dieser Lebensmittelausgabe an 80 Dienststellen des Roten Kreuzes profitieren. Der Bericht zeigt ein klares Bild: Es gibt mehr Arme als vor vier Jahren und die Armen sind noch ärmer geworden. Und: Die Mittelklasse droht in die Armutsfalle hineinzutappen. Der Anstieg der Armut ist massiv, das merken wir auch an unseren Sozialberatungsstellen. Da kommen Menschen hin, die sagen: "Ich weiß nicht mehr, wie es jetzt weitergehen soll." Mit der Armut verbunden: Psychische Erkrankungen, Depressionen bis hin zu Suiziden und Suizidversuchen sind durch die schwere wirtschaftliche Situation im Rahmen dieser Krise angestiegen.

Welche Tendenzen lassen sich bei der Verteilung der Armut in Europa beobachten?

Was auffällt, ist, dass dort, wo es hohe Steuerquoten gibt, und dort, wo ein starkes staatliches oder von NGOs getragenes Sozial- und Gesundheitssystem existiert - etwa in den skandinavischen Ländern und auch in Österreich -, die Krise weniger zugeschlagen hat. Anders ist es bei den südeuropäischen Staaten, wo der staatliche Einfluss geringer ist, wo viele der Betreuungsleistungen ausschließlich im familiären Umfeld wahrgenommen werden. Das gilt auch für Länder, in denen die Marktseite besonders stark involviert ist, wie beispielsweise Großbritannien. Die Verflechtungen reichen aber über Ländergrenzen hinaus.

Wie das?

In Ländern wie Spanien oder Irland ist die Zahl der Gastarbeiter zurückgegangen, weil diese die Ersten waren, die aus dem
Arbeitsprozess ausgeschieden sind. Das hatte einen doppelt negativen Effekt: Moldawier, beispielsweise, konnten kein Geld mehr nach Hause schicken. Diese Zahlungen machen in manchen Ländern bis zu 30 Prozent des Bruttonationalprodukts aus. Nicht nur, dass dieses Geld nicht mehr fließt - die Gastarbeiter kommen nach Hause, sind ohne Einkommen und belasten die Gesamtsituation weiter.

Wieso scheint Griechenland in der Studie nicht auf?

Die Beteiligung hat auf freiwilliger Basis stattgefunden. Wir wissen, dass in Griechenland die Rot-Kreuz-Gesellschaft eine ganz kritische Situation durchläuft. Die Gehälter der Angestellten sind schon ein halbes Jahr nicht mehr bezahlt worden, was dazu geführt hat, dass sich viele die Arbeit dort nicht mehr leisten können.

Wie problematisch ist eigentlich die Definition der Armut, wenn eine Million Österreicher davon gefährdet ist?

Die Armutsgefährdung liegt bei 60 Prozent des Medianeinkommens. Das sind um die 900 Euro. Für unsere Verhältnisse ist jemand manifest arm, wenn er unter dieser Einkommensgrenze liegt. Ich war kürzlich in Neu
Delhi, dort würde eher die UN-Armutsgrenze anwendbar sein, die bei 1,25 Dollar pro Tag liegt. Aber wir haben nun einmal einen anderen Lebensstandard in Europa als in Ländern, wo diese 1,25 Dollar schlagend werden. Aber in unserem Bericht geht es auch mehr um den Vergleich: Wir haben die Daten 2009 erhoben und beobachtet, was sich bis 2013 verändert hat.