Jerusalem. "Das Betreten des Tempelbergs ist nach den Gesetzen der Torah streng verboten." So steht es am Eingang zur rustikalen Holzbrücke, die an der Klagemauer vorbei zum einzigen Tor in das Heiligtum führt, zu dem Israel den Schlüssel besitzt. Dennoch will der jüdische Aktivist Yehuda Glick hinauf zum "wichtigsten Ort der Welt", wie er sagt. "Mir geht es um die jüdische Freiheit am Tempelberg", meint er und beginnt einen Vortrag über Menschenrechte. Glick trägt eine blaue Daunenjacke und einen roten Bart. Auf dem Kopf sitzt eine Kippah. An der schwarzen Leinenhose baumeln die traditionellen weißen Gebetsschnüre hinab. Jedoch wie ein Manager am Weg zu einem wichtigen Meeting huscht er an der Schlange wartender Touristen vorbei.

Von den israelischen Sicherheitsbeamten wird er beim Namen genannt. "Wie viele seid ihr heute, Yehuda?", fragen sie. "Ich bin alleine", sagt er. Dann schüttelt er die Hand eines bekannten Rabbiners und begrüßt dessen Begleiter. Er wirkt freundlich, aber angespannt. Beides ist verständlich: in einer halben Minute wird er "am wichtigsten Ort der Welt" sein. Doch dort ist er nicht willkommen.

Glick ist der führende Aktivist einer Bewegung, die sich für das jüdische Gebetsrecht am Tempelberg in der Altstadt Jerusalems einsetzt und dort den "Wiederaufbau des Dritten Tempels" vorbereitet. Das einzige Problem dabei: die heutige Realität.

Seit dem 7. Jahrhundert befindet sich dort der Felsendom, einer der heiligsten Ort des Islam. Nach muslimischer Tradition trat der Prophet Mohamed hier seine nächtliche Reise in den Himmel an. Die goldene Kuppel des Mosaik-verzierten Felsendoms ragt prominent über die Dächer der Altstadt empor und reflektiert das Sonnenlicht an diesem kühlen Dezembermorgen. Auf Arabisch wird der "Tempelberg" das "Edle Heiligtum" genannt. Am südlichen Ende dieses Plateaus, auf dem vor mehr als zweitausend Jahren ein jüdischer Tempel stand, befindet sich die Al-Aqsa Moschee, die drittwichtigste Moschee des Islam und zentrale Gebetsstätte muslimischer Palästinenser.

"Gott ist groß! Gott ist groß!", rufen dutzende palästinensische Frauen, als Glick an ihnen vorbei spaziert. Die Rufe werden immer lauter und immer mehr Gläubige auf dem weitläufigen Platz werden auf ihn aufmerksam. Glick selbst bleibt ruhig. Immerhin ist er beinahe jeden Tag hier. Als ihm vor kurzem der Zutritt verboten wurde, trat er zwölf Tage lang in den Hungerstreik. Zu seiner Sicherheit hat er Begleitung von zwei Polizisten. Mit dabei ist auch ein Beamter des Waqf, der islamischen Stiftung, die das Edle Heiligtum verwaltet.