Kuala Lumpur/Peking. "Mangel an rechtzeitiger Information." "Unerträglich." "Schmerzhafte Verspätungen." "Verschwendung wertvoller Zeit und Ressourcen." Der Kommentar der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua, der über die meisten chinesischen Mediendienste veröffentlicht wurde, spart nicht mit harter Kritik gegenüber den malaysischen Behörden. Am neunten Tag nach dem ungeklärten Verschwinden von Flug MH370 verlor China die Geduld. Unter den 239 Insassen an Bord der am 8. März auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschollenen Maschine waren 154 Chinesen.

Für Ärger sorgt etwa das Zögern Malaysias, die internationale Suchoperation in der Südchinesischen See einzustellen, als bereits klar war, dass man an der falschen Stelle suchte. Erst am Samstag gab der malaysische Ministerpräsident Najib Razak bekannt, dass die Maschine absichtlich umgeleitet und die Kommunikationssysteme des Flugzeugs manuell und nacheinander abgeschaltet worden seien.

Stundenlang an den zivilen Wegmarken vorbeinavigiert

Somit wurden zwar nun einige Fragen beantwortet, doch gleichzeitig wird die Verwirrung um den Geisterflug immer größer. Feststeht, dass die Maschine von einer flugkundigen Person gesteuert wurde, denn kein Laie könnte stundenlang an den Wegmarken der zivilen Luftfahrt vorbeinavigieren, noch dazu nach der systematischen Abschaltung aller Kommunikationsmittel. Dies geschah offensichtlich schon zu einem Zeitpunkt, bevor sich eine Stimme aus dem Cockpit mit den Worten verabschiedete: "Alles klar, gute Nacht." Dabei dürfte in diesem Moment an Bord von MH370 relativ wenig klar gewesen sein, abgesehen davon, dass die Person am Steuer den neuen Kurs bereits eingeleitet hatte.

Ermittlungen konzentrieren sich auf das Piloten-Duo

Im Fadenkreuz der Ermittlungen stehen daher nun der Pilot Zaharie Ahmad Shah und vor allem sein junger Co-Pilot Fariq Abdul Hamid. Dieser soll nämlich den ominösen letzten Funkspruch abgesetzt haben. Sein per Zufallsprinzip zugeteilter Chefpilot wiederum gilt als Anhänger des malaysischen Oppositionsführers Anwar Ibrahim, der Anfang März wegen Homosexualität zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. In seiner Wohnung hatte sich der Flugenthusiast einen Simulator gebastelt, der inzwischen von der Polizei beschlagnahmt wurde - eine ganze Woche nach dem Verschwinden des Flugzeugs, wie China irritiert bemerkte.

Ausdrücklich erwähnt der offizielle Xinhua-Kommentar auch die fragwürdige Rolle des malaysischen Militärs: Mindestens drei Radarstationen, die Flug MH370 auf seinem Rückweg in Richtung Andamanensee registrierten, ignorierten die Signale, obwohl das Eindringen eines nicht identifizierten Flugzeugs das Abfangen mit Kampfjets nach sich ziehen hätte müssen.

Doch nichts geschah - obwohl der Vorfall bereits bekannt war. Anhand der letzten Aufzeichnungen konzentriert sich die Suche nach der Boeing nun auf zwei Flugkorridore: Einer reicht von Kasachstan bis nach Nord-Thailand, der andere von Indonesien bis in den Süden des Indischen Ozeans. Der 4000-Kilometer-Radius zeigt an, wie weit das Flugzeug hätte fliegen können. Darum sind inzwischen 25 Länder sowie das Satellitensystem der USA an der Suche beteiligt, die sich nicht mehr nur auf die Meere konzentriert. Auf Bitten Malaysias koordiniert Australien die Aktion im Indischen Ozean, wobei sich das in Frage kommende Gebiet bis nach Südafrika erstreckt.

Für sein Krisenmanagement hat Malaysia internationale Kritik einstecken müssen, speziell aus China: Die Staatsagentur beklagte, dass durch die spät herausgegebenen Informationen "wilde Gerüchte" entstanden seien, was die Nerven der wartenden Familien wiederholt aufgerieben habe. In der Tat wird derzeit auf vielen Blogs darüber spekuliert, dass MH370 vom malaysischen Militär abgeschossen worden sein könnte. Ähnliche Beispiele hat es in der Vergangenheit bereits gegeben: So wurde etwa Juli 1988 ein mit 290 Personen besetztes Iran-Air-Flugzeug irrtümlich von einem US-Marineschiff getroffen, und 1983 hatte ein russisches Kampfflugzeug eine Korean-Airlines-Maschine abgeschossen.

Die ohnedies angespannten Beziehungen zwischen China und Malaysia werden durch den jüngsten Vorfall auf jeden Fall weiter belastet: Zuletzt sind die beiden Länder zu Beginn des heurigen Jahres aneinandergeraten, als Schiffe der Volksbefreiungsarmee in der Nähe der von Malaysia beanspruchten James Shoal (auch Zengmu-Riff genannt) eine Übung absolvierten. Peking erhebt auf dieses Gebiet ebenso Anspruch wie auf 80 Prozent des Südchinesischen Meers - ein Konflikt, der durch die jüngsten Vorfälle weiter befeuert wird.