Bagdad. Hier fehlten Teile von Mosaiken in den meterhohen Wänden, dort ganze Köpfe von riesigen Statuen. "Wir mussten die wichtigsten Statuen zu ihrem eigenen Schutz im Tempel einmauern", hatte eine Wache 2011 im nordirakischen Al-Hatra erklärt. Seit Beginn der US-Invasion 2003 waren viele Kulturstätten Opfer von Plünderern geworden und Kulturgüter von unschätzbarem Wert verschwunden. Aufgrund der oft fehlenden Staatsmacht ließen sich meist lokale Bewohner vieles einfallen, um sie zu erhalten und zu schützen. Nun sind die archäologischen Stätten Mesopotamiens, von denen man immer hoffte, sie würden aufgrund ihrer Bedeutung massenhaft Touristen anziehen, erneut bedroht. Die sunnitische Terrormiliz Isis soll Al-Hatra, gut 110 Kilometer südwestlich von Mossul, eingenommen haben. Archäologen und Historiker fürchten, dass die Islamisten die Ruinen und Statuen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. zerstören könnten, da sie hier die ihnen verhasste Heiligenverehrung wittern.

Hatra war in der Antike die Hauptstadt eines mesopotamischen Kleinfürstentums im Machtbereich des Partherreichs. Aufgrund seiner Fülle an Denkmälern ist es einer der aussagekräftigsten Fundorte der Partherzeit und gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Bekannt wurde die Stätte auch durch den Dreh des Kult-Horrorfilms "Der Exorzist".

Bereits kurz nach der Einnahme Mossuls Anfang Juni veröffentlichte Isis ein Dekret, in dem sie erklärte, dass sie alle Gräber, Schreine und andere Objekte zerstören würde, die ihrer strengen Interpretation des islamischen Rechts widersprächen. Und Isis ließ ihrer Ankündigung offenbar bereits Taten folgen: Die das Stadtbild mitprägenden monumentalen Statuen des abbasidischen Poeten Abu Tammam (788-845) und des irakischen Musikers und Lyrikers Osman al-Mawsali (1854-1923) etwa sollen lokalen Medien zufolge mithilfe eines Krans bereits entfernt worden sein. Auch mehrere Kirchen und Klöster meldeten Zerstörungen. So soll eine Marienstatue auf dem Turm der chaldäisch-katholischen Erzdiözese von Mossul entfernt und etliche Ikonen vernichtet worden sein.

"Isis versucht, die kulturelle Identität Mossuls auszulöschen", sagte der Sprecher des irakischen Kulturministeriums, Qassim al-Sudani. "Wir haben Informationen über Plünderungen und absichtliche Zerstörungen. Das geht aber alles so schnell, dass sich niemand ein Gesamtbild machen kann", sagte Unesco-Expertin Nada al Hassan, zuständig für den arabischen Raum, zur deutschen "tageszeitung". Viel Hoffnung über den Schutz der historischen Stätten scheint man sich aber nicht zu machen. "Wir können momentan nichts tun, außer zu Dialog und Frieden aufzurufen."