Berlin. Ebola breitet sich in Westafrika immer schneller aus. Vielerorts herrscht Ausnahmezustand. Aus Angst vor dem Virus hat die Elfenbeinküste ihre Grenzen zu den Nachbarn Liberia und Guinea geschlossen. Die Ebola-Epidemie in Westafrika wird noch Monate dauern, warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Wie sich die Krankheit ausbreitet, vermag im Moment niemand genau zu prognostizieren.

Die westafrikanische Filiale des Mobilfunkkonzerns Orange hat Wissenschaftern nun Zugang zu Handydaten gewährt, die einen Einblick in die regionalen Bevölkerungsströme geben und so die Ausbreitung des Ebola-Virus vorausdeuten könnten. Ebola wird über Körperflüssigkeiten übertragen und hat eine Inkubationszeit zwischen 2 und 21 Tagen. Die Infizierten sind sich häufig nicht bewusst, dass sie Träger des Virus sind. Das macht es so wichtig, zu wissen, wo die Menschen sich hinbewegen und bereits aufgehalten haben. Mobiltelefone könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Mobilfunkdaten entstehen vereinfacht gesagt dann, wenn jemand telefoniert oder eine Kurznachricht sendet. Die Funkmasten, über die ein Mobiltelefon ins Netz geht, geben Auskunft über den Standort des Nutzers. Aus dem Kommunikationsverhalten lassen sich wiederum Rückschlüsse auf die Bevölkerungsbewegungen schließen.

Die schwedische Non-Profit-Organisation Flowminder hat Verbindungsdaten, die 2013 im Senegal von 150.000 Handys erhoben wurden, analysiert. Mithilfe eines Computermodells, das mit zusätzlichen Daten aus der Elfenbeinküste gespeist wurde, konnten Bewegungsmuster erstellt werden. Die Grafik zeigt mehrere spinnennetzartige Gebilde, die sich über ganz Westafrika spannen und vereinzelt Berührungspunkte haben. Spiegelt der Kommunikationsverkehr tatsächlich die Mobilität wider, ließe sich daraus die mögliche Ausbreitung von Ebola ableiten. Die Forscher stellen keine gute Prognose: Ganz Subsahara-Afrika (Mali, Mauretanien, Niger) wird früher oder später betroffen sein. In diesem Licht wirken Grenzschließungen wie ein hilfloser Versuch, die Ebola-Epidemie einzudämmen.

Aufgrund der leicht veralteten Daten ist das Modell allerdings nicht ganz exakt - es handelt sich um Näherungswerte. Doch das soll sich ändern. Linus Bengtsson, Mitbegründer und Direktor von Flowminder, teilt der "Wiener Zeitung" per Mail aus Burkina Faso mit: "Die Analysen, die wir gemacht haben, sind nur Schätzungen, wie sich die Leute unter normalen Umständen bewegen. Die Mobilitätsstrukturen haben sich in der Zwischenzeit wahrscheinlich geändert. Wir sind deshalb in Gespräch mit den Mobilfunkanbietern, um aktuelle Daten zu analysieren." Auf Grundlage der einzelnen Todesfälle hat Flowminder eine weitere Animation der geografischen Ausdehnung der Ebola-Epidemie erstellt. Im Zeitraffer ist zu sehen, wie sich in Guinea, Liberia und Sierra Leone immer mehr Cluster bilden. Es wirkt alarmierend. Seit dem Ausbruch der Epidemie in Westafrika sind nach WHO-Angaben bereits mehr als 2400 Menschen an dem Virus gestorben. Knapp 4800 Menschen haben sich mit Ebola infiziert.

Datenschutzrechtlich fragwürdig


Die Harvard-Epidemiologin Caroline Buckee, die auch im Verbund von Flowminder forscht, hat in ihrer Untersuchung ("Big Data from Cheap Phones") mithilfe von Handydaten die Ausbreitung von Malaria in Kenia aufzeigen können. In Entwicklungsländern, wo es keinen Zensus gibt, können Handydaten wertvolle Einblicke in Bewegungsprofile liefern. IBM optimiert mit der massenhaften Auswertung von Handydaten - 2,5 Milliarden Anrufe von fünf Millionen Geräten wurden untersucht - die Busnetze in Abidjan.

Diese Praxis wirft freilich datenschutzrechtliche Probleme auf, weil mit der Verknüpfung der Daten meist doch Rückschlüsse auf Individuen gezogen werden können. Es mag ignorant klingen, aber bei der Eindämmung der Ebola-Epidemie spielen datenschutzrechtliche Erwägungen keine Rolle. Hier geht es um Leben oder Tod. Je genauer die Bewegungsprofile der Bewohner nachgezeichnet werden können, desto präziser lässt sich die Verbreitung der Krankheit vorhersagen.

Die Weltgesundheitsorganisation ist noch nicht auf Flowminder zugekommen. Doch vielleicht könnten Big-Data-Analysen in Zukunft wirklich Menschenleben retten.