Mexiko-Stadt. Vielleicht ist das Massaker von vor zwei Wochen das eine Massaker zu viel, das die Menschen in Mexiko gerade zu Zehntausenden auf die Straße treibt und dessen politische Auswirkungen zurzeit noch gar nicht absehbar sind.

In den letzten acht Jahren hat der blutige Drogenkrieg mindestens 70.000 Menschen das Leben gekostet. Doch so aufgewühlt wie in diesen Tagen präsentierten sich die von Schreckensnachrichten schon abgestumpften Mexikaner schon lange nicht mehr. Vordergründig geht es jetzt um das Schicksal von 43 verschwundenen Studenten, die mutmaßlich einer Gewalttat von Polizei und Sicherheitskräften zum Opfer fielen. Doch hinter den Kulissen hat sich Wut und Enttäuschung darüber aufgestaut, dass sich der Kampf gegen die Drogen einfach nicht mehr rechtfertigen lässt.

Der Fall, der ganz Mexiko bewegt, liegt knapp zwei Wochen zurück. Damals waren nach Auseinandersetzungen zwischen Studenten und der örtlichen Polizei in der Kleinstadt Iguala im vom Drogenkrieg besonders betroffenen Bundesstaat Guerrero an der Pazifikküste 43 junge Leute verschwunden. Es waren überwiegend Lehramts-Studenten, die gegen die schlechte Bezahlung von Lehrern demonstriert haben.

Lange blieb es ruhig, ehe die Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen die Demonstranten vorgingen. Was danach geschah, ist bis heute ungeklärt. Offenbar kaperten die Studenten einige Busse, woraufhin die Polizei das Feuer eröffnete. Danach verliert sich die Spur der Studenten. In der Zwischenzeit häufen sich die Indizien, dass von ihnen niemand mehr am Leben ist. Ermittler hatten vor einer Woche ein Massengrab mit 28 zum Teil stark verbrannten Leichen gefunden. In der Nacht auf Freitag wurden erneut vier geheime Gräber unweit des ersten Fundortes entdeckt, die laut Mitgliedern der Verbrecherorganisation "Guerreros Unidos" die sterblichen Überreste der Studenten beinhalten. Die Identifizierung der Leichen soll nach Angaben der Behörden mindestens zwei Wochen dauern. Sechs Mitglieder der "Guerreros Unidos" wurden bereits festgenommen.

Aber auch Mitglieder der Polizei sollen bei der Ermordung beteiligt gewesen sein. Der Sicherheitschef von Iguala habe angeordnet, die Studenten an den Ort des Massengrabs in Pueblo Viejo zu bringen, hieß es seitens der Behörden. Der Mordauftrag sei demnach vom Regionalchef der "Guerreros Unidos" gekommen. Laut Zeugen stehen zahlreiche Beamte der Polizei von Iguala auf der Gehaltsliste der "Guerreros Unidos", die aus dem Drogenkartell Beltran Leyva hervorgegangen waren. Der Bürgermeister und der Sicherheitschef von Iguala sind untergetaucht.

Die Verbindung von Drogenkartellen und korrupten Polizeieinheiten ist nicht nur in Guerrero ein besonders schmutziges Kapitel des Drogenkrieges.

Landesweite Demonstrationen


Am Mittwoch gingen landesweit zehntausende Menschen auf die Straße, um eine rückhaltlose Aufklärung der Ereignisse zu fordern. Solange die Leichen nicht einwandfrei identifiziert sind und es noch Hoffnung gibt, einen Teil der verschwundenen Studenten wiederzufinden, will niemand Ruhe geben. "Lebend habt ihr sie genommen, lebend wollen wir sie zurück", riefen 10.000 Demonstranten in den Straßen von Guerreros Provinzhauptstadt Chilpancingo. Auch die katholische Kirche meldete sich zu Wort. Der wegen seines Einsatzes für Menschenrechte international bekannte Pfarrer Alejandro Solalinde forderte politische Konsequenzen. "Ich fordere aus Gründen des Anstands den Rücktritt des Gouverneurs und die Freilassung aller politischen Gefangenen, die diese Regierung gemacht hat."

Für Mexikos Präsidenten Enrique Peña Nieto sind die Vorfälle in Guerrero gleich aus verschiedenen Gründen brisant. Im Wahlkampf hatte der Politiker noch eine andere Gangart der Polizei versprochen, die künftig weniger Blut vergießen solle. Zudem habe Peña Nieto in den Augen vieler zu spät auf die Vorfälle in Guerrero reagiert. Da die Vermissten die mexikanischen Nachrichten dominieren, ging fast eine positive Schlagzeile verloren: Wie in der Nacht auf Freitag bekannt wurde, war der Chef des Drogenkartells von Juarez, Vicente Carrillo Fuentes, gefasst worden. Das Juarez-Kartell beherrscht den Drogenschmuggel zwischen Ciudad de Juarez und El Paso in den USA. Das US-Außenministerium hatte ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar (knapp vier Millionen Euro) auf Carrillo Fuentes ausgesetzt.