Die Soziologin Julia O’Connell Davidson sieht Parallelen zwischen restriktiver Einwanderungspolitik und Sklaverei. - © Stanislav Jenis
Die Soziologin Julia O’Connell Davidson sieht Parallelen zwischen restriktiver Einwanderungspolitik und Sklaverei. - © Stanislav Jenis

"Wiener Zeitung": Bei Sexarbeit wird oft unterstellt, dass Menschenhandel im Spiel ist. Junge Frauen, die in Osteuropa gekidnappt werden und in Westeuropa zur Prostitution gezwungen werden: Passiert das oft oder sind das Einzelfälle?

Julia O’Connell Davidson: Ich sehe das oft in den Medien, aber nicht in der Realität. Natürlich gibt es furchtbare Missbrauchsfälle, aber die gibt es überall, auch im Bereich häuslicher Gewalt.

Zwischen 2012 und 2002 mussten 20,9 Millionen Menschen Zwangsarbeit verrichten, schätzt die Internationale Arbeitsorganisation ILO. Gibt es verlässliche Zahlen, wie viel davon Sexarbeit war?

Nein, gar nicht. Es ist extrem schwer, allein die Größe des Marktes in einzelnen Ländern zu definieren. Ich verlasse mich nicht auf die Zahlen, mit denen herumgeschmissen wird. Und es gibt keine Studie, die zeigt, dass der Großteil der Sexarbeiter dazu gezwungen wird. Natürlich gibt es Menschenhandel, aber der Sexarbeitsmarkt wird nicht davon dominiert. Wenn dann ein Missbrauchsfall aufgedeckt wird, ist der Schrei nach einem Prostitutionsverbot schnell da. Findet hingegen in einer Ehe Missbrauch statt, heißt es nie: Heiraten sollte verboten werden. Hier wird eine moralische Agenda verfolgt, und hat nichts damit zu tun, dass man Menschen schützen will.

Warum sind Sie bei Prostitution gegen Verbote und Freierbestrafung?

Weil es zu einem Klima der Angst beiträgt und die Arbeit der Frauen erschwert. Damit macht man sie verletzbarer.

Stichwort Straßenprostitution: Sind Sexarbeiterinnen auf der Straße verletzbarer?

Nicht unbedingt. Dort ist die Arbeit auch unabhängiger: Manche Menschen arbeiten auf der Straße, nur damit sie die eine oder andere Rechnung bezahlen können. Auf der Straße gibt es mehr Gewalt, das ist klar. Aber die geht gar nicht unbedingt von den Freiern aus, sondern von irgendwelchen Irren, die Prostitution stigmatisieren.

In Wien ist Straßenprostitution nur noch am Stadtrand und nicht mehr in den Wohngebieten erlaubt. Nun gibt es Proteste von Anrainern in Floridsdorf. Verstehen Sie das?

Ja, wenn Straßenprostitution verdrängt wird, fühlen sich dort die Anrainer marginalisiert und sind wütend. Diejenigen, die das Gesetz machen, denken nicht an die Konsequenzen ihres Tuns und machen Menschen verletzbar, die es ursprünglich nicht waren. In Großbritannien wird der Großteil der Menschen definitiv nicht zur Sexarbeit gezwungen. Dort darf man nur alleine arbeiten, aber nicht zu zweit oder zu dritt, und das zwingt in die Abhängigkeit.