Warnung des indischen Künstlers Pattnaik. Auch Airlines müssen mit dem Risiko leben. - © reu
Warnung des indischen Künstlers Pattnaik. Auch Airlines müssen mit dem Risiko leben. - © reu

Wien. Schon in wenigen Wochen könnte es sein, dass nur mehr fliegt, wer unbedingt muss. Denn bisherige Entwicklungen zeigen, dass sich die tödliche Viruserkrankung Ebola durch den globalen Flugverkehr stärker verbreitet als angenommen. "Durch früheres, entschiedenes Handeln hätte die Epidemie eingegrenzt werden können", kritisierte Tankred Stöbe, Vorstandschef der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, am Freitag die Vorgangsweise von EU und Weltgesundheitsorganisation WHO: "Wir haben schon im März vor der Ausbreitung des Ebola-Virus gewarnt. Spätestens im Juni war die Epidemie außer Kontrolle. Aber selbst die WHO reagierte nur zögerlich", sagte er.

Deutsche Virologen meinten nach dem Auftreten der ersten Fälle in Westafrika Ende 2013, die Gefahr eines Übergreifens der Seuche auf Europa sei minimal. Die Infizierten würden sehr schnell krank und seien nicht reisefähig. Das mag für die letzten 40 Jahre gegolten haben, als Ebola in abgelegenen Gegenden im Kongo und in Uganda ausbrach. Der Radius der Infizierten war gering, weil sie nur Zugang zu Motorrädern und Bussen hatten, somit nicht sehr weit reisen konnten. Auch diesmal breitete sich das Virus zunächst im Zeitlupentempo aus - dann aber rasant schnell.

Großstädte längst erreicht


Die großen Städte sind längst erreicht - und damit auch die städtische Oberschicht, die sich Flugreisen nach Europa und in die USA leisten kann. Selbst die Transportministerin Liberias, Angela Cassell-Bush, ist von Ebola betroffen: Sie hat sich in Quarantäne begeben, nachdem ihr Chauffeur erkrankt war. Das Credo "Ebola ist keine Reisekrankheit" gilt nicht mehr. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis 21 Tage - und in 48 Stunden kann von einer westafrikanischen Stadt mit Flughafen jeder beliebige Ort der Welt erreicht werden.

Von 1976, als Ebola entdeckt wurde, bis zum jetzigen Ausbruch wurden in Afrika bei 15 Epidemien rund 2500 Tote registriert - bei der jüngsten Epidemie sind es schon 4500. Das verleitete viele Tropenmediziner bis vor wenigen Wochen, das Virus als Randerscheinung zu bagatellisieren. Auch gab es zumindest bis zum Jahr 2000 erhebliche Wissenslücken. Zuverlässige Behandlungsmethoden und Impfstoffe gibt es bis zum heutigen Tag keine.

Wenn jetzt Fluglinien, Mediziner und Regierungen um Beruhigung der Lage bemüht sind, stößt das auf Skepsis. Denn wer garantiert, so denkt sich der Bürger, dass diesmal die Wahrheit gesagt wird?

Zunächst muss sich das Bordpersonal der Airlines unangenehme Fragen stellen. Fallbeispiel: In einem Flug von New York nach Frankfurt übergibt sich eine Passagierin, die an Ebola im Anfangsstadium leidet. Wie groß ist die Gefahr, dass sich Hilfe das stellende Bordpersonal mit dem Virus infiziert und einige Passagiere ebenfalls? "Theoretisch ist es denkbar. Aber das Risiko ist überschaubar", sagt Herwig Kollaritsch vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinuni Wien.

Jeder Handgriff muss sitzen


Faktum ist, dass Ebola durch engen Kontakt mit einem Erkrankten übertragen wird. Die Ansteckung erfolgt über Urin, Speichel, Erbrochenes, Blut und andere Körperflüssigkeiten, und, wie der Fall der in Spanien erkrankten Krankenschwester gezeigt hat, wenn man sich mit einem kontaminierten Handschuh ins Gesicht fährt - also die Schutzmaßnahmen nicht zu 100 Prozent umsetzt. "Menschen sind mit einem solchen Szenario überfordert. Aber das ist rein menschliches Versagen und kein Charakteristikum der Erkrankung", betont Kollartisch: "Wir müssen regelmäßig Trainings machen. Wenn ein Verdachtsfall da ist, müssen die Handgriffe sitzen wie im Schlaf."

Weitgehend ohne spezielle Ebola-Trainings müssen Flugzeugcrews auskommen. Die Airlines setzen auf die Routine und Kompetenz der Crews sowie gezielte Information. "Für den Fall, dass auf einem Anschlussflug bei jemandem Ebola ausbricht, hat das Kabinenpersonal Anweisungen, wie mit dem Infection Kit umzugehen ist", sagt AUA-Sprecher Peter Hödl. Dabei handelt es sich um eine aus Handschuhen, Gesichtsmaske und Sicherheitsbrille bestehende Ausrüstung zum Selbstschutz der Crew und einem "gegen Ebola-Viren ausreichenden Desinfektionsmittel". Seit der Epidemie der (weniger schweren) Infektion Sars 2003 seien diese Ausrüstungen stets mit an Bord. Die Gebrauchsanweisung würde informieren, wie an Betreffende heranzutreten sei und wie sie so weit wie möglich zu isolieren seien. Toiletten, die von Erkrankten benutzt worden seien, würden zudem abgeriegelt. "Gesonderte Anti-Ebola-Schulungen sind bei 2000 Crew-Mitgliedern nicht möglich. Aber da das Bordpersonal Personen mit auffälligen Symptomen eingehend befragen muss, wo sie in den letzten drei Wochen waren, wird schnell klar, ob Gefahr besteht", so Hödl.

Die Lufthansa hält fest, dass sie (wie die AUA) nicht in die hauptbetroffenen Gebiete fliegt. Die Situationsbeurteilung liegt allerdings beim Bordpersonal. "Unsere Flugbegleiter sind sensibilisiert. Es gibt Informationsveranstaltungen, Beratungen, ein Crew-Portal und zuständige Ärzte. Sollte der unwahrscheinliche Fall dennoch eintreten, müssen sie sich mit Handschuhen und Masken schützen und die Bodenbehören informieren", sagt Sprecher Helmut Tolksdorf. Masken aber wirken nachweislich nicht bei Ebola, da es sich dabei um keine Tröpfcheninfektion handelt.