Amy Goodman weicht vom Mainstream der Berichterstattung ab.
Amy Goodman weicht vom Mainstream der Berichterstattung ab.

"Wiener Zeitung": Wie würden Sie jemanden die Ziele und den Sinn von "Democracy Now!" beschreiben, der noch nie davon gehört hat?

Amy Goodman: "Democracy Now!" ist eine globale, tägliche und bürgernahe Nachrichtenstunde, die an 1200 öffentlichen Radio- und Fernsehsendern weltweit übertragen wird. Unsere Unabhängigkeit ist uns dabei sehr wichtig. Wir sind eine nicht gewinnorientierte Organisation in den USA und werden nicht von Unternehmen oder der US-Regierung finanziert. Wenn wir über den Krieg berichten, werden wir nicht von der Waffenindustrie bezahlt. Wenn wir etwas über den Klimawandel machen, bekommen wir kein Geld von den Öl-, Gas- und Kohleunternehmen. Stattdessen finanzieren wir uns nur über die Zuwendungen von unseren Zuhörern und Zuschauern.

Garantiert finanzielle Unabhängigkeit denn auch die absolute Freiheit der Berichterstattung? Hat nicht jedes Medium irgendeine Agenda?

Alle Journalisten haben, wie jedermann, Meinungen. Was wirklich wichtig ist: Wir berichten ausgewogen und sorgfältig. In den USA gibt es konkurrierende Medienunternehmen, die aber alle den gleichen, kleinen Kreis von Experten zu Wort kommen lassen. Diese Experten wissen so wenig über so viele Themen. Wir hingegen gehen zu den Menschen an der Basis, zu Menschen, die Bewegungen und Initiativen angehören, und bringen deren Stimmen an die Öffentlichkeit. Deswegen ist "Democracy Now!" auch so exponentiell gewachsen: Bei uns hört man authentische Stimmen und nicht von den Medien ernannte Sprecher.

Bis zu welchem Grad ist "Democracy Now!" von den Mainstream-Medien abhängig - zumindest was die Themenauswahl betrifft? Auf Ihrer Website behandeln Sie hauptsächlich jene Themen - wie Ebola oder den IS -, auf die sich auch die anderen Medien konzentrieren.

Wir haben zwei verschiedene Rollen: Wir decken Themen ab, über die zu wenig oder gar nichts berichtet wird. Zum Beispiel haben wir in den USA die größte Anzahl von Häftlingen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Trotzdem wird selten über das Gefängnissystem berichtet. Auch über die Todesstrafe wird wenig in den US-Medien debattiert.

Aber wir gehen natürlich auch auf die wichtigen Themen ein, über welche in den anderen Medien gesprochen wird. Der Unterschied dabei ist aber, dass wir bei diesen Themen auch andere Meinungen zu Wort kommen lassen. Nehmen Sie zum Beispiel den Vormarsch des Islamischen Staat (IS). Die Medienunternehmen lassen Leute wie den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney oder Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kommentieren, wie man den IS attackieren soll. Dabei waren es Leute wie sie, die vor zehn Jahren den Irak-Krieg angezettelt haben und sich bei den Massenvernichtungswaffen so sehr geirrt haben. Wie wäre es also, wenn man die Meinungen von Leuten hört, die es damals richtig gemacht haben - wie beispielsweise die von führenden Friedensaktivsten?

Denken Sie außerdem an den Klimawandel: Wir berichten umfassend von allen UN-Klimagipfeln und sprechen mit den Menschen und Aktivsten, die dort sind. In den USA werden Sie kein Mediennetzwerk finden, dass eine tägliche, einstündige Übertragung von diesen Gipfeln zeigt. Die Klimawandel-Debatte in den USA ist so rückständig. Während man in Europa fragt: "Was tun wir gegen den Klimawandel?", heißt es in den USA: "Beweist uns erst mal, dass es den gibt!" Ölunternehmen und Co. errichten in den USA sogar Think Tanks, die den Klimawandel gezielt verschleiern. Das ist wie bei den Tabakunternehmen vor zwanzig Jahren, die gemeint haben: "Ihr könnt keine Verbindung zwischen Zigaretten und Krebs nachweisen."

Ist diese Meinungsmanipulation in den Medien durch Unternehmen ein spezielles Problem in den USA oder ein weltweites Phänomen?

Die Situation in anderen Ländern kann ich nicht kommentieren. Aber noch ein Beispiel aus den USA: In den großen Sonntags-Talkshows, welche die Agenden für die nächste Woche setzen, variieren, wenn über den Mittleren Osten diskutiert wird, die vertretenen Meinungen zwischen: "Sollen wir aus der Luft bombardieren oder Bodentruppen senden?" Nie wird gefragt: "Sollen wir überhaupt bomben?" Diese Diskussion wird natürlich von großen Rüstungsunternehmen wie Lockheed Martin beeinflusst. Das muss man hinterfragen.

Über den Ebola-Ausbruch wird in den USA ausführlich berichtet - teilweise in sehr panischer und hysterischer Weise. Was halten Sie von den Diskussionen?

Ebola ist ein sehr ernstzunehmendes Problem, das mit der Debatte über die Rolle des weltweiten Gesundheitswesens und der öffentlichen Gesundheitsversorgung zusammenhängt. So wurde das Budget der Weltgesundheitsbehörde WHO stark gekürzt. Jetzt wo man diese internationale Gesundheitsbehörde braucht, ist die Infrastruktur nicht da. Außerdem: Warum gibt es kein Impfstoff gegen Ebola? Weil es für die Unternehmen bisher nicht profitabel war, einen herzustellen. Erstens: Die Unternehmen haben mit dem Virus nicht viel zu tun gehabt. Zweitens, wer infiziert sich denn mit Ebola? Die Menschen, die kein Geld für Medizin haben. Deswegen brauchen wir öffentliche Gesundheitssysteme. Regierungen müssen die Impfstolle herstellen und verfügbar machen. Wir brauchen weltweite Systeme, die bei solchen Ausbrüchen helfen können.