Buenos Aires. Die Überwachungskamera auf dem Internationalen Flughafen Ezeiza in Buenos Aires verfolgte Sonderermittler Alberto Nisman auf Schritt und Tritt. Keine dieser üblichen fest installierten digitalen Augen, die nur auf einen bestimmten Raum gerichtet sind, sondern eine speziell auf Nisman abgestellte Kamera wanderte mit ihm durch die gesamte Halle. Der Flughafensicherheitsdienst wollte es genau wissen: Mit wem spricht Nisman, wen begrüßt Nisman, wen erkennt Nisman. Die kleine Episode von einer seiner letzten Reisen zeigt: Nichts was der Sonderermittler auf argentinischem Boden tat, blieb unbeobachtet. Nisman wurde auf Schritt und Tritt überwacht.

Seit knapp einer Woche ist Alberto Nisman tot. Eine Kugel einer kleinen Pistole Kaliber 22 hat sein Leben beendet. Nisman hatte mehr als ein halbes Dutzend Leibwächter, er lebte in einer der am besten bewachten Gegenden der Hauptstadt Buenos Aires.

Und gleich mehrere Geheimdienste interessierten sich für die Ermittlungsergebnisse, die Nisman am vergangenen Montag, einen Tag nach seinem Tod, im Parlament präsentieren wollte, denn sie waren gefährlich für die Politik und Geschäfte. Doch ausgerechnet so kurz vor seinem großen Aufritt blieb dieser Mann ganz alleine und unbeobachtet. Kein Bodyguard, keine Kamera, nichts und niemand, das oder der darüber Aufschluss geben könnte, was in diesen schicksalhaften Minuten am vergangenen Sonntag geschah, die Argentinien in eine veritable Staatskrise stürzten.

Am schnellsten am Tatort ist ausgerechnet ein Vertreter der Regierung von Präsidentin Cristina Kirchner. Der Staatssekretär im Sicherheitsministerium, Sergio Berni, war sogar vor den ermittelnden Justizbeamten vor Ort. Berni, von Amtswegen mit besten Kontakten zum Inlandsgeheimdienst ausgestattet, korrigierte seine Aussagen zu seiner Präsenz am Tatort inzwischen mehrmals. Hatte er zunächst behauptet, gleichzeitig mit der ermittelnden Staatsanwältin in der Wohnung Nismans eingetroffen zu seinen, räumte er später ein, schon ein paar Minuten zuvor die Wohnung betreten zu haben. Er habe dann Familienangehörigen, die besorgt herbeigeeilt waren, in der Wohnung mitgeteilt, sie sollten nichts anfassen oder verändern. So schnell Berni aufgetaucht war, so schnell verschwand er auch wieder: "Danach bin ich wieder gegangen, es gab dort für mich nichts mehr zu tun." Trotzdem ließ sich Berni zu einer klaren Aussage hinreißen: "Alles deutet auf Selbstmord hin", lautete seine Einschätzung nach Besichtigung des Tatortes. Auf die Frage, warum er überhaupt dort gewesen sei, antwortet Berni: "Ich gehe überall hin. Die Sicherheitskräfte fallen in meinen Aufgabenbereich und meine Verantwortung."

Offenbar hat sich der Staatssekretär für Sicherheit bei seiner professionellen Einschätzung des Vorfalls gründlich geirrt. Völlig unklar scheint auch die Rolle des jüngst von Kirchner aus dem Dienst verabschiedeten Spitzenagenten Jaime Stiuso, der kurz vor dem Tod mit Nisman Kontakt aufgenommen haben soll. Über Stiuso, den geheimnisvollen Dritten, kursieren inzwischen die wildesten Gerüchte. Die Tageszeitung "Clarin" hält ihn für eine Schlüsselfigur in dem Politthriller.

Korruptionsjäger oft verurteilt


Inzwischen rückte Präsidentin Cristina Kirchner, die zunächst ebenfalls die Version des Selbstmordes verbreitete, von der offiziellen Linie ab. Kirchner kommuniziert inzwischen fast nur noch via Facebook und Twitter mit ihrem Volk. Sie schottet sich vor der argentinischen Öffentlichkeit ab und veröffentlicht stattdessen Briefe in den sozialen Netzwerken. Kirchner vermeidet es auf diese Weise, dass TV-Bilder zu strittigen Themen ins Archiv wandern können. Interviews oder Pressekonferenzen gab Kirchner in den ersten Jahren ihrer zweiten Amtszeit gar keine. Inzwischen hat sie wie in anderen Krisen die ganze Maschinerie der Macht angeworfen. Die Regierungspartei PJ stellte sich geschlossen hinter Kirchner und spricht von einer Destabilisierungskampagne nationaler und internationaler Gruppen, der Opposition und der regierungskritischen Medien. Dahinter steckt ein Strategiewechsel, den der Kirchner-Clan schon oft praktiziert hat. Kirchner soll in einer Opferrolle gezeigt werden, raus aus der zwielichtigen Ecke der Beschuldigten, der sogar ein Auftrag für einen Mord zugetraut wird.

Wann immer gegen Vertreter des "Kirchnerismo" in der Vergangenheit wegen Korruption oder krimineller Machenschaften ermittelt worden war, traf es am Ende den wagemutigen Vertreter der Justiz, der seinen Job verlor, versetzt oder ruhig gestellt wurde. Dass diesmal ein Sonderermittler starb, hat allerdings eine neue Qualität. "Für die Regierung scheint es zu unbequem zu sein, die Idee des Selbstmordes weiter zu verfolgen", schlussfolgert der lateinamerikanische Journalist Victor Hugo Morales in der Tageszeitung Clarin, die von Kirchner der Konspiration verdächtigt wird. Die argentinische Opposition hatte von Beginn an Zweifel an der Selbstmordtheorie, ebenso die engsten Familienangehörigen, die Journalisten, mit denen Nisman in Kontakt stand und auch die Oppositionspolitiker, denen Nisman zuletzt immer wieder andeutete, dass sein Leben in Gefahr sei. "Ich kann deswegen sterben", sagte Nisman zu Vertrauten in den letzten Tagen seines Lebens.