Ginde Beret. Hier ist Endstation. Dort, wo man bestenfalls sein Vieh parkt. "Beret" heißt eingezäunt. "Ginde" bedeutet Sackgasse in der äthiopischen Nationalsprache Amharisch. Zusammen stehen die Worte "Ginde Beret" für einen Bezirk und eine Region, die selbst für den Großteil der Äthiopier fernab von jeder Vorstellung existiert: im äthiopischen Hochland nämlich, abseits von regulären Straßen. Bis vor kurzem konnten die Bewohner des "Nirgendwo" sich nur zu Fuß, oder, wenn sie begütert waren, mit Esel oder Maultier, den Weg zu den Verkehrsadern bahnen, die Handel, Gesundheit und Bildung bedeuten. Die bis kürzlich einzige Straße, die es gab, war diejenige, die bei dem großen Sklavenbaum endet. Unter dessen Astgewölbe wurde bis in die 1960er Jahre, manche behaupten, bis in die 1970er, der wichtigste Sklavenmarkt der Region betrieben.

Der Baum existiert noch immer, mit einer mächtigen Krone, die einen Durchmesser von fünfzehn, zwanzig Meter hat, allerdings scheint sie langsam zu verdorren. Gegenüber befindet sich ein Wiederaufforstungsprojekt der NGO "Menschen für Menschen" (MfM). Und der alte Weg endet auch nicht mehr beim Baum, im Gegenteil, er führt weiter, er verzweigt sich, immer weiter ins Hochland hinein.

Dass sich immer mehr Wege in dieser Gegend verästeln, ist zum Großteil der von Karl-Heinz Böhm gegründeten Äthiopienhilfe zu verdanken, die seit mehr als dreißig Jahren in dem ostafrikanischen Land operiert.

Unterwegs in Äthiopien

Auch heute ist es eine Herausforderung, den Großteil der Strecken der Region "Ginde Beret" und des noch ärmeren Nachbars "Abune Ginde Beret" zu bewältigen. Doch immerhin kommt man leichter voran seit MfM, in den Jahren 2012 und 2013 angefangen haben, diese Gebiete zu bearbeiten, und über 200 Kilometer Zufahrtswege geschaffen haben. Natürlich sind das keine asphaltierten Straßen, sondern vielmehr Pfade, die nun entweder mit einem Eselskarren zu befahren sind - ein nicht zu unterschätzendes Vehikel - oder mit diesem unverwüstlich Allrad-Jeep, dessen Modell alle NGOs verwenden.

Die Straßen bedeuten, dass die NGO jetzt auch in den abgeschiedensten Regionen mit ihren Hilfsprogrammen ankommt und Frauen wie Tadalu Banti zukünftig das Leben erleichtern kann. Banti hat erst vor kurzem von der NGO gehört. Andere haben die Hilfsorganisation alarmiert und auf die Region aufmerksam gemacht. Banti selbst hatte dafür keine Zeit. Die 27-jährige Frau ist Alleinerzieherin von fünf Kindern. Ihr Mann hat sie vor zwei Jahren verlassen. Die magere Tomatenernte, die ihr winziges Stück Land abwirft, muss sie am Markt verkaufen, weil "das Gemüse selbst essen können wir uns nicht leisten", sagt sie. Zusätzlich arbeitet Banti als saisonale Hilfsarbeiterin und kann so umgerechnet 25 Euro im Monat zusammenkratzen. Das Geld wird nur für das Grundnahrungsmittel Hirse ausgegeben, damit überlebt zumindest die Familie. Im Februar hat Banti einen Kurs von MfM begonnen, in dem sie etwa in Anbaumethoden geschult wird und schließlich mehr aus ihrem Boden herausholen wird können. Vielleicht, so träumt sie, hat sie eines Tages die Möglichkeit, ihre Kinder in die Schule zu schicken.

So wie es zwei Stunden entfernt das Farmerehepaar Hirko Dechasa und seine Frau Ababu Eshete, geschafft haben, die mit sieben Kindern in einer ähnlich kleinen Hütte wie Banti leben. Die NGO habe ihnen wirklich geholfen. "Vorher haben wir nicht gewusst, welches Gemüse man anbauen kann, und wie man es zubereitet", freut sich Dechasa. Heute können sie genug anbauen, dass sie es nicht nur zum Teil gewinnbringend verkaufen, sondern sogar selbst essen können: "Wir haben bei eine echte Änderung in der Gesundheit unserer Kinder gemerkt. Und wir können sie jetzt auch in die Schule schicken."

Äthiopien hat mit den Hungerkatastrophen der 1970er und 1980er Jahre traurige internationale Berühmtheit erlangt. Die Hungersnöte wurden durch Dürreperioden ausgelöst, deren Ursachen im Klimawandel vermutet werden. Doch was in Äthiopien weiterhin existiert, ist der sogenannte "stille Hunger" - zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig.

Fast die Hälfte der Kinder ist von Unterernährung betroffen


Am Papier hat sich die Zahl der Mangelernährten - gemessen an der Gesamtbevölkerung - in den vergangenen zehn Jahren halbiert. Aber Äthiopien, Platz 70 von 76 Ländern auf dem Welthungerindex, ist noch immer geprägt von Unterernährung. Zwar betrifft es "nur" noch 37 Prozent der Bevölkerung - in der Hauptstadt Addis Abeba ist der Hunger nicht so präsent - aber in Regionen, in denen MfM tätig ist, ist die Zahl der Mangelernährten sichtbar höher. Unterernährung geht über unzureichende Kalorienaufnahme hinaus, chronischer Hunger schränkt die körperlichen und geistigen Fähigkeiten ein und führt in den ersten zwei Lebensjahren zu irreparablen Schäden - die Entwicklung bleibt für immer zurück.

In Äthiopien geht man davon aus, dass vierzig Prozent der Kinder aufgrund chronischer Mangelernährung unterentwickelt sind. Und 67 Prozent der erwachsenen Bevölkerung waren als Kinder von Unterernährung betroffen. Das führt dazu, dass diese Erwachsenen weniger produktiv sind und weniger zur Entwicklung beitragen können.