Peking. (red) Jahrelang hatten sich die Bewohner von Boshe dem Zugriff der Behörden widersetzt. Die Kleinstadt mit rund 14.000 Menschen in der südlichen Provinz Guangdong galt als Bollwerk der Crystal Meth-Industrie, von der im Prinzip das gesamte Dorf lebte. Dementsprechend verbittert setzten sich die Bewohner bei Polizeikontrollen zur Wehr, blockierten die Zugänge mit Motorrädern und Nagelbrettern und schreckten nicht einmal davor zurück, die Behörden mit selbst gebauten Handgranaten anzugreifen. Bis es denen zum Jahreswechsel 2014 schließlich zu bunt wurde: 3000 Polizisten und paramilitärische Einheiten rückten mit Hubschraubern und Schnellbooten an; im Rahmen der Erstürmung wurden 182 Personen festgenommen, darunter der ehemalige Dorfvorsteher der Kommunistischen Partei. Und sie beschlagnahmten drei Tonnen Crystal Meth, zudem 20 Tonnen Rohmaterial zur Rauschgiftherstellung.

Dass selbst die Sprengung eines Drogenrings in diesen Dimensionen den Markt nicht weiter erschütterte, zeigt, wie weit das Meth-Problem in China mittlerweile fortgeschritten ist. Bisher galt Heroin als meistgenutzte Droge, die aus dem Goldenen Dreieck zwischen Myanmar, Thailand und Laos und vor allem aus Afghanistan ins Land geschmuggelt wurde. Doch die zuletzt veröffentlichten Zahlen zeigen eine Trendwende. Offiziell gibt es im Land 2,95 Millionen registrierte Drogenkranke, womit sich die Zahl innerhalb des letzten Jahrzehnts verdreifacht hat. Allerdings gab der Leiter des Büros für Kontrolle von Betäubungsmitteln, Liu Yuejin zu: "Die wirkliche Zahl an Suchtgiftabhängigen wird auf 13 Millionen geschätzt - und mehr als die Hälfte von ihnen konsumiert Methamphetamine." Sollten diese Zahlen akkurat sein, läge die Rate an Abhängigen weit unter jener der USA. Aber man schätzt, dass 0,5 Prozent der chinesischen Bevölkerung von synthetisch hergestellten Drogen abhängig sind. Das ist mehr als doppelt so viel wie in den USA, wo der Anteil an Meth-Süchtigen mit 0,2 Prozent angenommen wird.

Lange Zeit galt China als Werkbank der Welt. So gesehen ist es fast unvermeidlich, dass sich das Land zum weltweit führenden Drogenlabor entwickelt: Der Stoff wird meist nicht in kleinen Hinterhof-Küchen hergestellt, sondern in stillgelegten Seitenarmen der Chemie- und Pharmaindustrie. Diese beliefert die Hersteller auch direkt mit Ausrüstung und Grundstoffen, wodurch das Gift in großen Mengen produziert werden kann. Die Folge: Es ist billig und überall zu bekommen, und es wird auch ins Ausland geliefert. Erst vor kurzem fing die Polizei in Mexiko eine Ladung im Wert von mehreren Millionen Dollar aus Shanghai ab, die für den US-Markt bestimmt gewesen wäre. Es läuft aber auch in die umgekehrte Richtung: Vor zwei Jahren verhafteten Behörden einen Drogenkoch aus Mexiko, der sich auf einer abgelegenen Schweinefarm in der zentralchinesischen Provinz Hunan niedergelassen hatte.