London/Kairo. Hat es die IS-Terrormiliz geschafft, eine Bombe an Bord der über der Sinai-Halbinsel abgestürzten russischen Passagiermaschine zu schmuggeln? Großbritannien hält das für wahrscheinlich, wie Außenminister Philip Hammond am Donnerstag erklärte. Die Regierung in London riet am Donnerstag von allen nicht notwendigen Flugreisen an den Flughafen Sharm el Sheik am Roten Meer ab.

Auch Niederländer stoppen Flüge

Auch niederländische Fluggesellschaften fliegen zunächst bis Sonntag nicht mehr die ägyptische Urlaubsregion von Sharm el-Sheikh  an. Der Stopp der Flüge wurde bei einem Treffen des niederländischen Anti-Terror-Koordinators mit Vertretern der Fluggesellschaften und des Geheimdienstes getroffen. Man stehe auch in engem Kontakt mit den britischen Stellen. Derzeit befänden sich 408 Niederländer in der Region, die sich an ihre Reiseveranstalter wenden sollten.

Nach Angaben des britischen Verbands der Reiseanbieter sitzen auch mindestens 9.000 Briten in der ägyptischen Urlaubsregion fest. Die Fluggesellschaften Easyjet, Thomson Airways, Thomas Cook und British Airways haben nach eigenen Angaben ihre Flüge zu dem Flughafen gestrichen oder aufgeschoben.

Bombe im Gepäck?

Die auf der Sinai-Halbinsel verunglückte russische Passagiermaschine könnte durch eine einfache Bombe zum Absturz gebracht worden sein. Wie US-Experten in der Nacht auf Donnerstag im Sender CNN erklärten, könnte der Sprengsatz mittels einer simplen Vorrichtung in einer bestimmten Flughöhe zur Explosion gebracht worden sein.

Die von CNN befragten Fachleute meinten übereinstimmend, dass Terrorgruppen wie die Jihadistenmiliz IS möglicherweise Komplizen unter den Mitarbeitern des Flughafens in Sharm el-Sheikh gehabt haben könnten. Diese könnten die Bombe etwa mit dem Gepäck in die Maschine verladen haben. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, würde dies neue Herausforderungen für die Sicherheitseinrichtungen der Flughäfen weltweit bedeuten.

Um ein Flugzeug zum Absturz zu bringen bedürfe es keines besonders großen Sprengsatzes, sagte einer der Experten. Es genüge eine kleine Bombe, die die Struktur der Maschine zerstöre.

Dass eine Bombe für den Absturz der russischen Passagiermaschine am Wochenende verantwortlich war, hält auch die britische Regierung für wahrscheinlich. Sie stützt sich dabei auf Erkenntnisse westlicher Geheimdienste. Details dazu waren allerdings vorerst nicht bekannt.

Russland spricht von Spekulation

Die russische Regierung wies alle Mutmaßungen über einen Bombenanschlag indes zurück. Nur eine "Untersuchung" könne die Gründe für das Unglück ans Licht bringen, doch gebe es bisher dazu keine offiziellen "Aussagen" der Ermittler, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag. "Jede andere vorgeschlagene Erklärung mutet wie eine unbestätigte Information oder irgendeine Art von Spekulation an", fügte Peskow hinzu.

Ähnlich äußerte sich der ägyptische Minister für die zivile Luftfahrt, Hossam Kamal. Die Ermittler verfügten "noch nicht über Beweise oder Daten, die die Theorie bestätigen", dass es sich um einen Bombenanschlag handle, erklärte Kamal am Donnerstag in Kairo. Demnach wird der Flugverkehr nach Sharm el Sheikh aufrechterhalten. Am Donnerstag würden allein 23 Ankünfte aus Russland erwartet. Der Airbus A321 der russischen Gesellschaft Metrojet war in dem Badeort gestartet.

Ägyptens Staatschef in London

Unterdessen traf der ägyptische Staatschef Abdel Fattah al-Sisi in London ein, wo er im Laufe des Donnerstag mit dem britischen Premier David Cameron zusammentreffen will. Bei dem Treffen soll es nach Angaben der britischen Regierung sowohl um die bilaterale Sicherheitszusammenarbeit als auch um den Absturz der russischen Airbus-Maschine gehen.

Sollte sich die Bomben-These bewahrheiten, muss Ägypten weitere Einbußen im Tourismus befürchten. Auf dem Sinai aktive IS-Terroristen haben die Verantwortung für den Absturz des Flugzeugs übernommen und die Veröffentlichung von Einzelheiten dazu angekündigt.

Nach dem Start in Sharm el-Sheikh war der Airbus A321 der sibirischen Firma Kolavia am Samstag über der Sinai-Halbinsel abgestürzt. 224 Menschen kamen ums Leben. Es ist das schwerste Unglück in der Geschichte der russischen Luftfahrt.