Rio de Janeiro. Wenn in ein paar Tagen die brasilianische Armee ausrückt, um im Rahmen eines Aktionstages der Tigermücke den Kampf zu erklären, dann wird Präsidentin Dilma Rousseff auf starke Fernsehbilder drängen. Knapp sieben Monate vor den Olympischen Spielen will die innenpolitisch angeschlagene Linkspolitikerin Tatkraft signalisieren. Für Brasilien und Rio de Janeiro geht es dann um mehr als nur die Bekämpfung des mutmaßlich von der Tigermücke übertragenen Zika-Virus, der im Verdacht steht, eine Schädelverformung bei ungeborenen Kindern auszulösen. Es geht darum, dem Rest der Welt die Angst vor einer Reise nach Brasilien zu nehmen. Ob das allerdings gelingt, steht auf einem anderen Blatt.

Denn es mehren sich die prominenten Stimmen aus dem Athleten-Lager, die offen über einen Olympia-Verzicht sprechen. Weltmeister-Torhüterin Hope Solo (34) aus den USA zum Beispiel, die einer der weiblichen Stars der Spiele werden könnte, verfolgt die Nachrichten aus Brasilien mit großer Sorge und erwägt gar wegen der rasanten Ausbreitung des Zika-Virus einen Olympia-Verzicht: "Wenn ich die Entscheidung heute treffen müsste, würde ich nicht hinfliegen", sagte die Fußballerin im Interview mit SI.com: "Ich würde nie das Risiko eingehen, ein ungesundes Kind zu bekommen." Zuvor hatten bereits die Verantwortlichen des US-Olympiateams ihren Athleten freie Wahl gelassen, ob sie nach Rio reisen oder nicht.

 "Werden das Risiko nicht eingehen"

Wie Hope Solo wird rund die Hälfte des in Olympia startenden Teilnehmerfeldes denken: die Frauen. Denn die sind überwiegend jung und im gebärfähigen Alter. Für einen Olympia-Start den eigenen Kinderwunsch hintanzustellen, das erscheint vielen Sportlerinnen wie Solo ein zu großes Risiko und ein zu hoher Preis. Zu wenig wissen die Experten, zu groß ist der Mythos, der sich schon jetzt um das Virus dreht. Und noch eine zweite prominente Stimme dürften die Organisatoren in Rio de Janeiro mit Sorge vernommen haben. Ausgerechnet das Läuferwunderland Kenia denkt über einen Olympia-Verzicht nach. "Wir werden das Risiko für unsere Athleten nicht eingehen, sollte sich das Virus weiter ausbreiten", erklärte Kipchoge Keino, der Präsident des lokalen Olympia-Komitees KOC.

Rios Olympia-Macher reagieren wie alle Krisenmanager in einer solchen Situation: Sie versprachen zu Wochenbeginn allen Teilnehmern und den Touristen "maximale Sicherheit". Doch wie soll das gehen? Derzeit kommen aus der Region immer neue Hiobsbotschaften. Kolumbien, das an Brasilien grenzt, ist ähnlich betroffen. Nahezu alle Nachbarländer leiden unter dem gleichen Phänomen, das Problem scheint derzeit immer größer zu werden.

Vor allem aber fürchten die Manager des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die bisher noch unabsehbaren juristischen Folgen der Zika-Virus-Epidemie. Welche junge Frau im Alter von 18 bis 35 Jahren, die einen Kinderwunsch fest in ihrer Lebensplanung vorgesehen hat, reist auf eigenes Risiko zu den Spielen, wie es das US-Olympiakomitee faktisch erwartet? Und wer trägt das finanzielle Risiko, wenn es zu Schadenersatzforderungen von betroffenen Müttern kommt, die sich in Rio de Janeiro infiziert haben? Wenn zum Beispiel das Auswärtige Amt vor Reisen nach Brasilien warnt - unter welchen juristischen Vorausetzungen können dann die Athletinnen überhaupt noch anreisen?

Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach erklärte noch vor ein paar Tagen, er rechne nicht mit Problemen wegen des Zika-Virus. "Man muss auch sehen, dass die Spiele im brasilianischen Winter stattfinden werden", sagte Bach. Allerdings kann es auch im brasilianischen Winter einmal sehr heiß und feucht werden, nicht nur wegen des Klimawandels. Bach setzt trotzdem auf andere "Brutbedingungen für das Insekt". Das ist eine sehr optimistische Einschätzung des Juristen und ehemaligen Fechters, aber er plant wohl ganz sicher auch keine Schwangerschaft.

Für die meisten lateinamerikanischen Frauen gibt es derweil andere Empfehlungen seitens ihrer Regierungen: Werdet einfach in den kommenden zwei Jahren nicht schwanger. Vielleicht werden indessen schon bald die ersten weiblichen Olympia-Starterinnen ihrerseits sagen: Verschiebt doch einfach die Spiele um zwei Jahre.