Dohuk. "Wir wussten sofort, dass es Daesh war". Die ganze Nacht über habe es Kämpfe gegeben, erzählt die in ein schwarzes Kostüm gekleidete Jesidin Linda. Wie ein Lauffeuer hätte es sich an jenem 3. August 2014 bei den 40.000 Einwohnern der nordirakischen Stadt Sinjar herumgesprochen, dass die Dschihadisten des "Islamischen Staates" - alias Daesh - anrückten. Lindas Vater schickte vorab die kleineren Geschwister in die Berge, er selbst lud weniges Hab und Gut auf sein Auto, um schließlich mit der ganzen Familie zu fliehen. Doch das Fahrzeug stoppte auf halber Strecke. Es hatte kein Benzin mehr. "Sie schossen auf uns, wir standen Auge in Auge mit ihnen."

Sieben Tage lang saßen die 26-jährige Linda und ihre Geschwister in den Sinjar-Bergen fest. Die Eltern gingen zu Fuß über Syrien in den Irak, als die PKK-Guerillakämpfer einen Korridor für sie freikämpften. Ein Onkel holte die Kinder später ab. Jetzt leben sie in dem Rohbau eines unfertigen Hauses in Dohuk, in der Nähe eines Flüchtlingslagers. 85 ihrer Familienmitglieder sind bei dem Drama um Sinjar ums Leben gekommen. Offiziere der kurdischen Peschmerga-Truppen, die die Stadt jetzt kontrollieren, haben Massengräber mit jeweils zwischen 100 und 200 Leichen von getöteten Jesiden gefunden. Auch wenn ihre Stadt seit vergangenem November befreit ist, wollen die meisten nicht zurückkehren. Sinjar sei komplett zerstört, bekommt man als Begründung, ziemlich vermint, und diverse kurdische Gruppen streiten um die Vorherrschaft in der Stadt. Die Jesiden, so hört man allenthalben, seien gespalten und deshalb machtlos.

Schutzzone


In der Tagesstätte "Jinda" wirken die Jesidinnen gelöst, manche sogar fröhlich. Auch eine gewisse Ausgelassenheit, mit der andere junge Frauen und Mädchen im kurdischen Norden des Irak ansonsten auffallen, stellt sich langsam ein. Manche zögern noch, fangen aber dann doch an zu reden und ihre Erlebnisse zu erzählen. Wenn eine anfängt, trauen sich die anderen. Nur wenige bleiben gänzlich stumm und in sich versunken. Dabei haben sie alle Schreckliches erlebt: 19 Frauen und Mädchen aus Sinjar, der Jesidenstadt nahe der syrischen Grenze, die der IS eineinhalb Jahre lang unter seiner Kontrolle hatte. Die brutalen Islamisten verschleppten vor allem die Frauen, verkauften sie wie Sklavinnenen, demütigten sie, vergewaltigten und nötigten sie zur Zwangsheirat. Einige von ihnen konnten fliehen oder wurden frei gekauft. In der Tagesstätte treffen sie sich wieder.