Erbil. Das grüne Kleid mit den weißen Punkten reicht Shaima bis zu den Knöcheln. Ihr Kopftuch sitzt locker, sodass eine Haarsträhne sichtbar ist. "5000 Dollar - das war viel Geld", sagt die 24-jährige Irakerin. Ein Jahr und mehr müsste sie dafür arbeiten. Aber einen Job zu finden sei schwierig, wenn man nie die Schule besucht hat und weder lesen noch schreiben kann.

Die Schmerzen, die sie nach der Operation hatte, seien weg. "Beim Gehen und wenn ich schwere Dinge hob, tat es weh", sagt Shaima. Diät muss sie weiterhin halten, ihr Leben lang: Salzarmes Essen, wenig Hülsenfrüchte und Fleisch, so sagten es ihr die Ärzte. Die verbliebene Niere muss geschont werden.

Menschen wie Shaima, die bereit sind für ein paar tausend Dollar eine Niere zu verkaufen, gibt es viele in den Flüchtlingscamps im Irak. Die Organhändler wissen das und schicken ihre Anwerber los, die oft selbst Flüchtlinge sind. Wer den Verkauf von Shaimas Niere organisiert hat, darüber will sie nicht sprechen. Auch will sie nicht, dass ihr Familienname oder ein Foto von ihr in der Zeitung abgedruckt werden; für Binnenflüchtlinge ist es verboten Organe zu spenden. Wer es dennoch tut, macht sich strafbar.

Niere ab 4000 Dollar

Bis 2014 lebten Shaima und ihr Ehemann im nordirakischen Mossul. Als der sogenannte Islamische Staat (IS) im Juni die Stadt einnahm, flohen sie. Weil Shaimas Ehemann Soldat der irakischen Armee war, musste er um sein Leben fürchten. Sie gingen zu ihrem Vater nach Bagdad. Doch Shaimas sunnitischer Ehemann wurde von ihrer schiitischen Familie nie akzeptiert, der Vater lehnte ab, sie in sein Haus aufzunehmen. Schließlich fanden sie bei der Schwester des Ehemanns in Erbil Unterschlupf.

"Wir hatten kein Geld, mein Mann war arbeitslos", sagt Shaima. Sie erinnerte sich an einen Bekannten aus Mossul, der eine Niere verkauft hatte. Über ihn kam sie mit den Organhändlern in Kontakt und sie vereinbarten ein Treffen in einem Hotel in Dohuk, eine Stadt im Norden Irakisch-Kurdistans. "Im Hotel traf ich die Frau, die meine Niere bekommen sollte." Zwischen 30 und 35 Jahren sei sie alt gewesen. "Eine Araberin aus der Provinz Diyala, ihr Mann war Bauunternehmer." Die Frau hatte ihr Baby mitgebracht, das sie während des Gesprächs stillte. "Wenn du mir die Niere nicht gibst, wird auch das Baby sterben", habe die Frau zu ihr gesagt. Shaima willigte ein, ihre Niere zu verkaufen.

Nur die Spitze des Eisbergs

"Es gibt viele Wege, wie sie die Leute zum Organverkauf überreden", weiß Mais Masadeh von

Heartland Alliance, eine NGO, die sich für Menschenrechte einsetzt. Oft werde mit der Verantwortung gegenüber Glaubensbrüdern argumentiert: Gott gab dir zwei Nieren, es ist daher die Pflicht jedes Gläubigen, andere Muslime zu unterstützen, wenn sie eine Niere brauchen, heißt es etwa.

Aus dem Harsham-Camp in Erbil, wo auch Shaima inzwischen lebt, sind der NGO fünf Fälle von Organhandel bekannt. "Die Opfer sind fast alle Männer", sagt Masadeh. Für den Verkauf ihrer Niere erhielten sie zwischen 4000 und 6000 Dollar. Sie vermutet, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist und es hunderte solcher Fälle im Irak gibt.

Im Oktober 2015 hat die Regierung des Irak daher eine Vorschrift erlassen, die es Binnenflüchtlingen verbietet, ihre Organe zu spenden. Ein Gesetz, das Organspenden regelt, sieht außerdem vor, dass der Spender im Beisein eines nahen Verwandten der Operation freiwillig zustimmen und der Empfänger des Organs mit dem Spender verwandt sein muss. "Doch Organhandel findet weiterhin getarnt als Organspende statt", so Masadeh. Dafür würden einfach die notwendigen Dokumente gefälscht. Hinzu komme, dass Ärzte keine Befugnis haben, die einzelnen Fälle genauer zu untersuchen, um möglichen Organhandel festzustellen. Und manchmal, so legt es ein Bericht des kurdischen Magazins "Ekud Daily" aus dem Jahr 2011 nahe, sind Ärzte in die Geschäfte verwickelt. Das Aufdecken wird zusätzlich erschwert, weil die Opfer von Organhandel dem Gesetz nach als Kriminelle gelten. "Wenn du deine Niere für Geld verkaufst, gehst du ins Gefängnis", so Masadeh. Die NGO ist mit einigen Verhafteten in Kontakt und unterstützt sie mit ihren Anwälten. Bisher mit Erfolg. Es sei allgemein viel Bewusstsein für dieses Thema zu erkennen, resümiert Masadeh.

Vater muss zustimmen

Shaimas Operation fand in einem öffentlichen Krankenhaus in Dohuk statt. Welches es war, daran will sie sich nicht mehr erinnern. Vor der OP wurde sie von drei Ärzten untersucht, ein Psychologe sprach mit ihr, es gab einen Blut- und einen Schwangerschaftstest. Dann war da noch das Telefonat mit ihrem Vater, der seine Zustimmung geben musste. Doch für den spielte es keine Rolle, ob seine Tochter ein Organ weniger hat. Die Niere hat man ihr um 7 Uhr morgens an einem Samstag entnommen. Nach drei Tagen im Krankenhaus kam der Mann, der den Handel eingefädelt hatte, und sagte, sie müssten nun gehen. Wolle sie länger im Hospital bleiben, habe sie selbst für die Kosten aufzukommen.