Los Angeles/Orlando. (apa) Das Thema Homosexualität wird in der muslimischen Gemeinde in den USA eigentlich gerne gescheut. Das Attentat von Orlando lässt islamische Organisationen und die Schwulen-, Bi- und Transsexuellen-Gemeinde, im englischen abgekürzt LGBT, nun aber enger zusammenrücken.

Seit dem Angriff auf den Homosexuellenklub in Orlando treten Repräsentanten islamischer Organisationen und der LGBT-Community gemeinsam auf, veranstalten gemeinsame Gebete oder geben gemeinsame Mitteilungen heraus. Zur Überraschung vieler Muslime sprach sich so in den vergangenen Tagen eine Reihe der größten muslimischen Vereinigungen in den USA öffentlich zur Verteidigung und Unterstützung von LGBT-Rechten aus. Der Direktor des Rates der Amerikanisch-Islamischen Beziehungen (CAIR), Nihad Awad, sagte, dass "Homophobie, Transphobie und Islamophobie miteinander verbundene Unterdrückungssysteme" seien.

Gleichzeitig treten jene muslimischen Vereine stärker in Erscheinung, die bisher unter der Wahrnehmungsschwelle tätig waren. Die "Muslim Alliance for Sexual and Gender Diversity", die kürzlich ihr sechstes Retreat für homosexuelle Muslime bei Philadelphia abhielt, rief öffentlich ihre "heterosexuellen muslimischen Verbündeten" und ihre "nicht-muslimischen Verbündeten, vor allem aus der LGBT-Gemeinde" dazu auf, für sie einzustehen. Die Organisation "Muslime für Fortgeschrittene Werte", die etwa in Atlanta gay-freundliche Gebetsräume betreibt, rief in Los Angeles Imame dazu auf, beim Freitagsgebet gegen Schwulenhass zu predigen.

Während die Rechte von Homosexuellen im Mainstream verschiedener Religionen in den USA angekommen sind - diverse christliche oder jüdische Strömungen weihen schwule Geistliche und führen gleichgeschlechtliche Eheschließungen durch -, erwies sich ihre Förderung in Moscheen bisher als schwieriger. Landesweit werden aber nun Treffen innerhalb der muslimischen Gemeinde abgehalten, in denen Homosexualität und LGBT-Rechte offen diskutiert werden. "Es wird wirklich darüber gesprochen", freute sich ein Muslim in Chicago gegenüber WBEZ News.

LGBT-Muslime wiederum fühlen sich nun ermutigt, sich zu outen. Der bekannte US-Schriftsteller und Journalist Wajahat Ali rief LGBT-Muslime auf, öffentlich aufzutreten. Die muslimische US-Komikerin und Schauspielerin Fawzia Mirza schrieb auf Facebook, es sei "nun an der Zeit, dass die Stimmen von LGBT-Muslimen nicht nur gehört, sondern gefeiert werden, und sie in Gemeindezentren und Moscheen willkommen geheißen werden".

Der Großteil der islamischen Gelehrten sieht Homosexualität als Sünde. US-Muslime sind bisher gespalten: 47 Prozent gaben 2014 bei einer Umfrage des Pew Research Centers an, dass Menschen von Homosexualität entmutigt werden sollten. 45 Prozent wiederum sprachen sich für deren Akzeptanz aus. Laut einer Umfrage des Washingtoner Public Religion Research Institute von 2015 sind zudem 42 Prozent der US-Muslime für die Erlaubnis von gleichgeschlechtliche Ehen in den USA. Viele muslimische Prediger aber, die privat LGBT-Anliegen begrüßen, schweigen öffentlich, um Kritik zu vermeiden.