Direktor Ali vor den vom IS übermalten Gesichtern. - © Schauta
Direktor Ali vor den vom IS übermalten Gesichtern. - © Schauta

Mossul. An einem Vormittag im Jänner sitzen 75 Kinder in Jacken und Wollhauben gepackt in der ersten Klasse der Al-Kufa-Schule. Vor drei Wochen hat die Bubenschule als eine der ersten ihren Betrieb wieder aufgenommen, nachdem irakische Streitkräfte den "Islamischen Staat" (IS) aus Ost-Mossul vertrieben haben. Wegen der heftigen Kämpfe gibt es in der Stadt weder Strom noch fließendes Wasser mehr. In den Klassenzimmern ist es kalt.

Laith Muhamad tippt mit seinem Zeigestab der Reihe nach auf die Buchstaben des arabischen Alphabets, die er mit Kreide auf die Tafel geschrieben hat. Jeden Buchstaben sprechen die Kinder laut im Chor. "Die Sechsjährigen gehen heuer zum ersten Mal in die Schule", sagt der 40-jährige Lehrer für Sport und Naturwissenschaften. "Wir haben aber auch Achtjährige in der Klasse, die müssen Lesen und Schreiben nachholen."

Als der IS im Juni 2014 Mossul einnahm, übernahm er auch die Kontrolle über die Schulen und damit über die Ausbildung von 300.000 bis 400.000 Kindern. An jenen Schulen, die nicht als Militärstützpunkte oder Notunterkünfte dienten, wurde nach dem Lehrplan des IS unterrichtet. In den Mathematikbüchern zählen die Kinder Panzer und Kalaschnikows. Die Illustrationen in den Lernunterlagen zeigen Kinder, die den afghanischen Uniformrock, weite Beutelhosen, Pistolen und Maschinengewehre tragen. Der Kopf hinter den Lehrplänen ist kein Unbekannter: Khaled al-Afari, ein 30-jähriger Turkmene aus dem irakischen Tal Afar. Radikaler Islamist. Die Karriere der Kinder schien genau in diesem Sinne vorgezeichnet zu werden.

Während in Mossul die Dschihadisten ihren Lehrplan durchsetzten, verkündete die Regierung in Bagdad, keine Zeugnisse anzuerkennen, die in den vom IS kontrollierten Gebieten erworben wurden. Viele Eltern nahmen daher in Kauf, dass ihre Kinder Lernjahre verloren, oder unterrichteten sie selbst. "Auch ich habe meinen Freunden geraten, ihre Kinder zuhause zu behalten", sagt Direktor Sahab Ali im Schulhof. Wenn er keine Zigarette zwischen den Fingern hält, reibt der 53-Jährige seine Hände aneinander. Immer wieder sind Detonationen von Mörsergranaten zu hören; die irakische Armee beschießt Stellungen des IS auf der anderen Seite des Flusses.

Herr Ali war zwölf Jahre lang Direktor der Al-Kufa-Schule. Als der IS die Stadt einnahm, schickten sie ihn nach Hause. "Du wirst hier nicht mehr unterrichten", hieß es. Aus der Buben- wurde eine Mädchenschule. 30 Töchter von Dschihadisten und Sympathisanten seien hier von Lehrern der Terrororganisation unterrichtet worden.