"Halleluja, Halleluja, Halleluja!" Aus den Tiefen ihrer Lungen rufen sie den Namen Gottes, hyperventilierend versetzen sie sich in Trance-ähnliche Zustände. Unter die Schreie der Zeugen Jehovas von nebenan mischen sich Polizeisirenen, die in der Ferne in Endlosschleife aufheulen. Das Ritual ist ein allabendliches Wiegenlied, und in der Früh übernimmt der jüdisch-orthodoxe Kindergarten: mit hoch gepitchtem, hebräischem Sing-Sang wecken die Kids das ganze Wohnhaus.

Das Grätzel Crown Heights in Brooklyn ist eine der wenigen Nachbarschaften in New York City, in denen die Mieten noch leistbar sind. Hier kostet ein WG-Zimmer knapp unter 1000 Dollar - für New Yorker Verhältnisse ein Schnäppchen. Die nächste Starbucks-Filiale, das Symbol voran geschrittener Gentrifizierung, befindet sich etliche Häuserblocks weiter westlich Richtung Manhattan.

Im Gegensatz zu dem von Hochhäusern geprägten Stadtbild Manhattans findet man in Crown Heights viele Brownstones – die Einfamilienhäuser aus rotem Sandstein kennt man aus US-Serien wie der "Bill Cosby Show". Das Viertel ist grün und, wenn die religiöse Dauerbeschallung nachlässt, ruhig. Viele Familien ziehen hierher. Dennoch kommt es vor, dass man von alt eingesessenen New Yorkern gefragt wird: "Was, du lebst in Crown Heights? Ist es dort sicher?"

Einfamilienhäuser und grüne Vorgärten: Crown Heights in Brooklyn hat nur wenig mit dem hektischen Manhattan zu tun. - © fib
Einfamilienhäuser und grüne Vorgärten: Crown Heights in Brooklyn hat nur wenig mit dem hektischen Manhattan zu tun. - © fib

Bis vor wenigen Jahren galt Crown Heights als heißes Pflaster; 1991 fanden hier die Crown Heights Riots statt. Damals bekriegten sich die afro-amerikanische und die jüdisch-orthodoxe Community. Ausgelöst wurden die Tumulte von einem Autounfall, bei dem ein Oberrabbiner den 7-jährigen Sohn guyanischer Einwanderer tötete. Gerüchte besagen, der jüdische Rettungsdienst habe dem Buben Erste Hilfe verwehrt - daraufhin folgten dreitägige Straßenschlachten: jüdische Häuser und Autos wurden zerstört, ein afro-amerikanischer Jugendlicher erstach einen jüdischen Studenten aus Australien.

Heute leben die Menschen in dem Grätzel in friedlicher Koexistenz. Nach wie vor wohnen hier vor allem Afro-Amerikaner und orthodoxe Juden. Wie in Crown Heights ist in ganz New York die Kriminalität drastisch gesunken. Abseits der Projects, den Sozialbauten, in denen sich Gangs bekämpfen, gilt die Stadt als sicher, selbst die Bronx.