Nairobi. Ein Mann schlägt auf seine schwangere Ehefrau ein, bis sie auf dem Boden liegt. Ihre Wehen beginnen, er ignoriert sie, scherzt stattdessen mit Freunden. Es ist die Szene eines Theaterstücks, das im Slum der drittgrößten Stadt Kenias, Kisumu, aufgeführt wird. Fern der Realität ist sie jedoch nicht.

Mann erstach seine Frau, weil sein Knödel zu klein war

Ein Mann sticht seiner Frau mit dem Messer ins Gesicht, in den Nacken und in den Rücken, bis sie verblutet. Die beiden Kinder im Volksschulalter müssen das Gemetzel mitansehen. Ihre 23-jährige Mutter verblutet, der Vater flüchtet. Grund für diesen Mord, der sich vor wenigen Wochen im Slum von Ruraka unweit Kisumu ereignet hat, war ein Streit: Der Mann hatte sich beschwert, dass seine Portion Ugali zu klein ausgefallen war. Der Maisbrei-Knödel "Ugali" ist das Grundnahrungsmittel der kenianischen Bevölkerung.

Ein Mädchen und ihr jüngerer Bruder im Slum von Kisumu. - © fib
Ein Mädchen und ihr jüngerer Bruder im Slum von Kisumu. - © fib

Der Fall ist nicht alltäglich. Dennoch zeigt er: Familienoberhaupt ist in Kenia der Mann. Das bedeutet nicht nur, dass er das größte Stück Ugali bekommt. Sind nur Frauen zuhause, heißt es "niemand ist zuhause". Mit Haushalt und Kindererziehung haben Männer meist nichts am Hut. Trotzdem bedarf es ihrer Einwilligung, ob die Frau ins Krankenhaus gebracht, oder das Kind geimpft werden "darf". "Am häufigsten sterben Mütter bei der Entbindung, wenn sie nicht rechtzeitig ins Krankenhaus kommen", erklärt Otieno Kennedy Ochieng.

Kenia in Zahlen - © WZ-Grafik
Kenia in Zahlen - © WZ-Grafik

Der 32-Jährige ist als leitender Arzt für die Gesundheit der 400.000 Einwohner Kisumus verantwortlich, er behandelt 100 Menschen am Tag. "Das Hauptproblem sind Armut und Mangelernährung", sagt er. Zwei Kilo Maismehl kosten umgerechnet 1,50 Euro, damit kommt eine fünfköpfige Familie einen Tag lang durch. Fast einen Euro kostet ein Laib Brot – für Familien im Slum ein Luxusgut.

Im Slum von Kisumu verfolgt die Nachbarschaft gebannt die dramatischen Szenen, die sich in dem Slum-Theater auf erdigem Boden unter schiefem Wellblech abspielen. Was nach Applaus und Verbeugungen folgt, ist in Kenia eine Rarität: Sozialarbeiter besprechen mit den Slum-Bewohnern über die Tabuthemen Verhütung, Schwangerschaft und Sex. Das ist Teil eines umfangreichen, dreijährigen EU-Projekts, das Care Österreich und Care Kenia gemeinsam durchführen.