Kiew. Ein junger Mann liegt auf einer leeren Brücke. Er reibt sich die Augen, räkelt sich und springt auf. Froschgrüne Jogginghose, eine schwarze Lederjacke über die schmale, nackte Brust gelegt. Er reckt seinen Oberkörper gegen die Sonne, um sogleich wilde Pirouetten über den Mittelstreifen zu drehen. Aus dem Off schmettert die französische Chanson-Legende Edith Piaf: "Non, je ne regrette rien!" "Nein, ich bedaure nichts."

Es ist die wohl bekannteste Brücke von Kiew: Die Podilsko-Woskresenski-Brücke, ein brauner Koloss, mit vier riesigen Pfeiler in den Dnjepr gerammt, jener Fluss, der die Stadt in zwei Teile teilt. Ihr Bau wurde schon zu Sowjetzeiten begonnen, doch wegen einer Kombination aus Korruption, Pfusch und wechselvoller Stadtpolitik wurde sie nie fertiggestellt. Wie eine Ruine, die schon rostet, bevor sie jemals in Verwendung war.

Doch zuletzt hat die Brücke ein unverhofftes Comeback als Filmkulisse erlebt: wie für den Autobauer Mazda, der 2016 hier mit dem britischen Rennfahrer Ben Collins einen Werbespot drehte. Oder eben der oben beschriebene Clip der Modemarke Diesel, unter dem Motto: "Go with the flaw", eine Abwandlung des Spruchs "Go with the flow". "Geh mit dem Makel" statt "Geh mit dem Strom."

Es mag wenig schmeichelhaft sein, Kiew mit dem Makel zu vergleichen - ist die ukrainische Metropole doch eine der schönsten Städte Osteuropas. Breite Flaniermeilen, mittelalterliches Kopfsteinpflaster, sowjetischer Modernismus und prächtige Kirchen, wie das Höhlenkloster mit seinen goldenen Türmen.

Doch jetzt hat auch die internationale Werbeindustrie Kiew als Schauplatz entdeckt. Allein 2017 sind hier mehr als 20 westliche Musik- und Werbevideos gedreht worden. Das Musikvideo des französischen Rappers OrelSan? Im Kiewer Schlafbezirk Posniaki gedreht. Die Werbung für die neue Apple-Watch? Ein spanischer Skateboarder raste dafür quer durch die Empfangshalle des Kiewer Bahnhofs. Das Musikvideo zur Single "Amsterdam" der britischen Indie-Band More Than Thieves? Spielt in einer alten Lagerhalle, gesäumt von ukrainischen Plattenbauten.

"Monstrosität des osteuropäischen Lebens"

So ist es vor allem der eigenwillige, post-sowjetische Charme des Kiewer Stadtbildes, der internationale Regisseure anzieht. "Auf dem globalen Markt kommt die Architektur aus der Sowjetzeit gut an", sagt Dmytro Suchanow, Direktor der ukrainischen Toy Production, in einem Interview. Dass die Regisseure auf ihrer Suche nach dem "Sowjet-Charme" nicht nach Moskau oder Minsk, sondern nach Kiew reisen, liegt wohl daran, dass Dreherlaubnisse für öffentliche Plätze in der Ukraine viel leichter zu bekommen sind als in den anderen, autokratischeren Ex-Sowjetrepubliken.