Vatikan. Wenige Tage vor seiner mit Spannung erwarteten Reise nach Irland hat Papst Franziskus die schwere Schuld der katholischen Kirche in der Frage des Missbrauchs durch Ordensleute und Priester eingeräumt. So spricht Franziskus in einem am Montag veröffentlichten Brief an die Gläubigen in aller Welt wörtlich davon, dass die Kirche den Schmerz von Missbrauchsopfern zu lange ignoriert habe.

"Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen, und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte", hieß es in seinem dreiseitigen Schreiben, das in sieben Sprachen veröffentlicht wurde. Rückblickend um Verzeihung zu bitten, sei nie genug. Die Kirche müsse sich "mit Nachdruck verpflichten, diese Gräueltaten zu verdammen, wie auch die Anstrengungen zu bündeln, um diese Kultur des Todes auszumerzen, den die Wunden verjähren nie".

Missbrauch sei ein "Verbrechen, das tiefe Wunden des Schmerzes und Ohnmacht erzeugt", sowohl bei den Opfern als auch bei den Familienangehörigen, schreibt Franziskus. "Der Schmerz dieser Opfer ist eine Klage, die zum Himmel aufsteigt und die Seele berührt, die aber für lange Zeit nicht beachtet, versteckt und zum Schweigen gebracht wurde."

Konkreter Anlass des Schreibens ist ein umfassender Bericht aus Pennsylvania, demzufolge sich mehr als 300 Priester in den vergangenen 70 Jahren an tausenden Kindern vergangenen haben. Die Vorwürfe erstrecken sich auf sechs der acht Diözesen in dem US-Bundesstaat.

Was das Thema Missbrauch betrifft, stand der Argentinier aber bereits zuvor unter enormem Druck. Ihm wird immer wieder vorgeworfen, eine Null-Toleranz-Linie zwar zu verkünden, aber nicht durchzusetzen. Nicht zuletzt deshalb zeigt der Papst nun wohl Tatendrang bei einer ganzen Reihe von Missbrauchsskandalen. So nahm Franziskus mehrere Rücktrittsgesuche von Klerikern an und versucht seit Monaten, jenes Vertrauen zurückzugewinnen, das er bei seiner Chile-Reise im Jänner verspielt hatte. Dort nahm er einen Bischof in Schutz, der Sexualdelikte vertuscht haben soll.

Angesichts des tausendfachen Missbrauchs an Kindern durch Priester und Ordensschwestern in Irland sind die Erwartungen an die Reise am kommenden Wochenende hoch. Immer stärker drängt sich die Frage auf, ob Franziskus Missbrauchsopfer treffen wird. Der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, hatte vom Pontifex gefordert, frei über die Missbrauchsskandale zu sprechen. In Irland wurden über Jahrzehnte Straftaten systematisch vertuscht. Kirchliche Einrichtungen behandelten Mütter mit unehelichen Kindern oft wie Arbeitssklaven.