Berlin/Vatikan/Tallinn. (maz) Ein großes Thema überschattet die Herbst-Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda: die von ihnen in Auftrag gegebene Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Deren Inhalt war schon in den vergangenen Wochen an die Öffentlichkeit durchgesickert, am Dienstag wurden nun die 300 Seiten im Rahmen der Vollversammlung offiziell vorgestellt.

Ein Forschungskonsortium unter Leitung des Mannheimer Psychiaters Harald Dreßing hat gemeinsam mit dem Kriminologische Institut der Universität Heidelberg, dem dortigen Institut für Gerontologie und dem Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen insgesamt 38.000 Akten ausgewertet. Demnach wurden in den deutschen Diözesen zwischen 1946 und 2014 mindestens 3677 Minderjährige von mindestens 1670 Tätern missbraucht, das entspricht 5 Prozent der Diözesanpriester und 1 Prozent der Diakone.

5 Prozent der Diözesanpriester als Täter - "Das ist nur die Spitze eines Eisbergs"

"Das ist aber nur die Spitze eines Eisbergs, dessen tatsächliche Größe wir nicht kennen", so Dreßing. "Wir werden die Gesamtzahl mit keiner Methode korrekt ermitteln können. Es gibt auch Hinweise darauf, dass in der Vergangenheit Akten manipuliert oder vernichtet wurden."

Die Betroffenen sind überwiegend männlich - das unterscheidet sich laut Dreßing signifikant von sexuellem Missbrauch in anderen Kontexten, "da werden immer mehr Mädchen als Buben missbraucht" - und 13 Jahre oder jünger. Homosexuelle Neigungen spielten also ebenso eine Rolle wie Pädophilie. "Wir haben es in vielen Fällen mit wirklich schweren, wiederholten sexuellen Missbrauchshandlungen an Minderjährigen über längere Zeiträume zu tun", erklärte Dreßing.

Was auffällt, ist eine Korrelation zwischen Zölibat (auch in Bezug auf Vereinsamung) und klerikaler Macht sowie der Häufung der Beschuldigungen, sprich: Die meisten Beschuldigten waren Diözesanpriester. Der zeitliche Abstand zwischen der Weihe und der Erstbeschuldigung betrug im Durchschnitt 14 Jahre.

Dreßing stellte klar, dass der Forschungsbericht keine Aufarbeitung des Missbrauchs sei, "die muss in der katholischen Kirche selbst erfolgen, und zwar mit den Betroffenen gemeinsam und auf Augenhöhe." Dem stimmte Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, zu: Sexuellen Missbrauch in der Kirche könne man nicht an den Betroffenen vorbei bekämpfen, "das geht nur mit ihnen gemeinsam". Er sieht die katholische Kirche angesichts des Missbrauchsskandals an einem Wendepunkt: Es gehe um den Umgang mit den Opfern, aber auch um die Zukunft und die Strukturen der Kirche. Die Studie mache "die ganze Bandbreite und Tiefe der Herausforderung in Bezug auf den Missbrauch deutlich sichtbar".