Es ist aber nicht so, dass er es mit seinen Freiheiten übertrieben hätte. Kawa erzählt, dass er sich manche Nacht um die Ohren geschlagen hat, genauso wie er die eine oder andere Freundin hatte. Und er gesteht, dass es gar nicht einfach war, britische Frauen zu haben, da es für ihn nicht einfach war, die kulturellen Unterschiede zu überbrücken. Aber ein kurdisches Mädchen zu finden, war noch schwieriger - immerhin waren die ersten Jahre 95 Prozent der Kurden in Großbritannien Männer, da der Fluchtweg zu gefährlich für Frauen war. Zudem konzentrierte er sich, so sagt er, auf seine Zukunft, machte einen Kurs, um studieren zu dürfen, und schloss später Ingenieurswissenschaften ab. Dennoch - kurdischen Maßstäben zufolge war er wild.

"Meine Mutter glaubt bis heute, ich sei ein Engel"


Nach zehn Jahren bat ihn seine Mutter, wieder heimzukehren, da alle Kinder die Heimat verlassen hatten und sie, gealtert, auf sich allein gestellt zurückgeblieben war. Natürlich, sagt Kawa, würde er seiner Mutter nie Details von seinem Leben in Europa erzählen. "Meine Mutter glaubt bis heute, ich sei ein Engel." Von dem Tag an aber, als er in seine Heimat zurückgekehrt war, war es vorbei mit der Freiheit. "Jeden Tag, mindestens einmal, meist aber mehrere Male, drängt sie mich, zu heiraten!", sagt Kawa, wirft enerviert die Autotür zu und macht sich auf den Weg zu seiner Klasse, der Unterricht beginnt in wenigen Minuten.

Und was Kawa am schlimmsten daran findet, ist, dass seine Mutter wohl recht hat. Er ist 36 Jahre alt, und sogar für ihn, als Mann und der jüngeren Generation zugehörig, ist es mehr als Zeit, eine Frau zu finden. Als Kawa quer durch den Campus marschiert, grüßt er höflich die links und rechts in gemischten Gruppen zusammensitzenden jungen Frauen und Männer, alle zwischen 18 und 22 Jahren alt. "Die Uni ist einer der wenigen Orte, an denen man als Mann eine Frau besser kennenlernen kann, sodass man nicht die Katze im Sack kauft", erklärt er.

Heiraten ist in Irakisch-Kurdistan eine ziemliche Prozedur. Grundsätzlich gibt es drei Wege, einen Ehepartner zu finden. Der "älteste" und traditionellste ist eine arrangierte Ehe. Wenn ein Mann bereit ist, zu heiraten, gibt er seiner Mutter Bescheid, sie könne ihm eine Frau finden. "Ganze drei Personen sind in diesen Prozess involviert", sagt Kawa, schüttelt seinen Kopf, kann es sich aber nicht verkneifen, gleichzeitig zu lachen. "Deine Mutter findet sie, deine Schwester sieht sie sich an und sagt, ob sie hässlich ist oder nicht, und schließlich der Mullah, der die Verlobungszeremonie durchführt."

Die zweite Art nennt Kawa "semi-arrangiert". Das heißt, dass der Mann irgendwo eine Frau entdeckt und es irgendwie schafft, sie davon zu überzeugen - etwa durch eine weibliche Verwandte, die sie anspricht -, sich zwei, drei Mal zu treffen, ohne dass die Familie davon erfährt. "Und wenn du mit ihrem Körper glücklich bist und wie sie redet, dann schickst du deine Mutter zu ihrer Mutter." Der dritte Weg ist einfach: Mann und Frau verlieben sich ineinander, wie auch immer das geschehen mag in einer Gesellschaft, die eigentlich kaum Raum offen lässt, in dem sich Mädchen und junge Männer, die nicht eng miteinander verwandt sind, treffen könnten.

"Vorehelicher Sex? Da wird es eine Schießerei geben"


Vorehelicher Sex ist bei Weitem das Schlimmste, das ein Mädchen anstellen kann - mit Konsequenzen für die ganze Familie. "Wenn du das machst, wird es eine Schießerei geben", sagt Kawa. Wenn es aller Warnungen zum Trotz doch dazu kommt, sei die Seite des Mädchens immer fürchterlich aufgeregt und aufgebracht und die Familie des Jungen würde sich immer zu Tode fürchten - ja meist sogar Geld anbieten, wenn der Junge sich weigert, das Mädchen zu heiraten. Etwas zu verheimlichen, scheint in der kurdischen Gesellschaft, auch in der urbanen, unmöglich. "Normalerweise kriegen sie es raus."

Im Vorjahr fielen laut Büro zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Erbil 42 Frauen einem gewalttätigen Tod zum Opfer. Wie viele von diesen Morden Ehrenmorde waren oder Frauen infolge von "häuslicher Gewalt" umkamen, vermag niemand zu sagen. Bis zum Jahr 2011 war "Ehre" ein Strafmilderungsgrund im Strafgesetzbuch. Seit der Änderung ist ein leichter positiver Trend zu verzeichnen, immerhin waren es 2011 noch 56 tote Frauen infolge von Gewalt. "Es ist noch immer ein Land für Männer", sagt Kurda, die Büroleiterin.

Doch vielerorts schleichen sich Veränderungen ein. Als Kawa bei ein paar Studenten vorbeiläuft, deutet er verstohlen mit den Augenbrauen in Richtung eines jungen Mannes und einer jungen Frau, die gemeinsam auf einer Bank sitzen, und flüstert, die beiden wären ein Pärchen - und seien dabei gar nicht verlobt! Nach dem Unterricht fädelt er ein Gespräch mit beiden ein, und sie gestehen nach einem halbstündigen Hin und Her, dass sie in der Tat zusammen seien - schwören aber Stein und Bein, sich noch nie geküsst oder anders als an der Hand angefasst zu haben. Er hat ihr noch keinen Antrag gemacht aus dem simplen Grund, dass er sich nicht leisten kann - zu den nicht unüppigen Hochzeitskosten muss der Gatte in spe der Mutter der Braut eine von ihr definierte Menge an Gold kaufen. Beide urgieren, kein Wort über ihre Beziehung zu verlieren, denn "niemand hier weiß etwas davon".

Die beiden - er ist Kurde, sie Araberin aus Bagdad, keine unübliche Konstellation - sehen sich nur untertags in der Uni; die restliche Zeit verbringen sie online und schreiben sich hunderte Nachrichten auf Facebook oder Skype.

Das Internet hat Kontakte und Beziehungen der Jugendlichen für die Eltern unkontrollierbar gemacht. Manche haben gar mehrere Accounts, selten mit ihren richtigen Namen. In der Öffentlichkeit geben sich junge Frauen wie Unberührbare, keinen Mann, der sie kennenlernen will, lassen sie auch nur annähernd in ihre Nähe - aus dem einzigen Grund, dass sie um ihre Reputation wirklich Angst haben. "Sogar wenn du ein Mädchen, das völlig europäisch angezogen ist, fragst, ob sie mit dir einen Kaffee trinkt, wird sie dir sofort den Mund verbieten und noch gehässige Wörter nachschießen", sagt Kawa. Aber online gibt es keine Notwendigkeit, sich zurückzuhalten. Ashty, eine schlanke, großgewachsene Studentin mit riesigen Augen und attraktivem Lächeln, erzählt, sie hätte schon mehrere Heiratsanträge via Facebook erhalten - sogar von Männern, mit denen sie nie zuvor gesprochen hatte.