Tokio. Hakuhos rundes Gesicht ist angespannt. Langsam und konzentriert drückt er seine Arme nach oben, die Hände geöffnet. Dann geht er wieder tief in die Hocke. Der 1,93-Meter-Mann neigt seinen massigen Körper zur Seite und hebt ein Bein angewinkelt bis auf Kopfhöhe. Kraftvoll stampft er mehrfach auf. Böse Geister will Japans Sumo-Champion Hakuho mit diesem shintoistischen Reinigungsritual vertreiben. Derweil weht der Wind zarte Blütenblätter über den Platz vor dem Yasukuni-Schrein in Tokio. Japans fünfte Jahreszeit ist kirschblütenrosa.

Sumo unter Kirschblüten: Das Honozumo-Turnier zählt zu den Fixpunkten in Tokios Kalender. - © Blaschke
Sumo unter Kirschblüten: Das Honozumo-Turnier zählt zu den Fixpunkten in Tokios Kalender. - © Blaschke

Wenige Wochen vor dem Frühlingsfest und zum Höhepunkt der Sakura-Saison, wenn sich die Betonwüste der japanischen Hauptstadt rosa färbt, strömten in den Ostertagen tausende Tokioter und Touristen zum Yasukuni-Schrein. Er ist einer der bekanntesten, wenngleich umstrittensten Schreine des Landes und beliebt für Hanami, das Betrachten der Kirschblüten. Am Karfreitag kamen die Schrein-Besucher dort in den Genuss von Honozumo. Der Sumo-Showkampf findet seit Gründung des Schreins 1869 jedes Jahr statt und zieht an die zehntausend Zuschauer an.

Sumo und Shinto, Sport und Religion: In der japanischen Geschichte sind beide eng miteinander verbunden. Viele Rituale, die den Sumo-Sport prägen, entstammen aus der tausende Jahre alten Shinto-Religion. Menschen und Tiere, Gegenstände und abstrakte Wesen, Bäume und Steine - sie alle können Gottcharakter annehmen. Die Rituale, aus denen das heutige Sumo entstand, sollten eine reiche Ernte bescheren und die Götter, genannt Kami, ehren. Erst in der Edo-Zeit (1603-1868) wurde Sumo zum professionellen Sport.

Mehr als 200 Ringer nehmen am Honozumo teil. Ihre Kämpfe sollen die Kami des Yasukuni-Schreines erfreuen, erklärt ein junger Priester. In diesem Fall sind es die Seelen von Menschen, die im Dienste für den japanischen Kaiser, den Tenno, in Kriegen ihr Leben ließen. Die meisten der fast 2,5 Millionen Menschen, die dort verehrt werden, waren Soldaten der kaiserlichen Armee.

Strenges Prozedere

Auch Frauen und Kinder seien darunter, erklärt der Priester. Und - das erwähnt er nicht - Männer, die durch ihre Taten im Zweiten Weltkrieg als Kriegsverbrecher gelten. Daher protestieren China und Südkorea jedes Mal, wenn ein japanischer Premierminister oder Kabinettsmitglieder zum Schrein geht, zuletzt Amtsinhaber Shinzo Abe 2013.

Um sich die Unterstützung der Götter zu sichern, dürfen die Besten der Besten vor dem Turnier in den heiligsten Bereich des Schreins zum Gebet. In mehreren Reihen, die Rangobersten zuvorderst, stellen sich die Ringer auf. Sie tragen nichts außer ihrem Keshomawashi, einen zum Lendenschurz gebundenen, meterlangen Gurt aus Seide, der eine schwere, bestickte Schürze hält. Darauf ist häufig ein Symbol, das zum Ringnamen passt, aber auch Werbung von Sponsoren. Nur die Ranghöchsten, die Yokozuna, tragen zusätzlich ein dickes weißes Seil um den Bauch, die Enden kunstvoll verschlungen. Über der Schürze baumeln weiße, im Zickzack gefaltete Papierstreifen, eine symbolische Opfergabe.

Das Prozedere ist streng vorgeschrieben: zweimal verbeugen, zweimal klatschen, um die Aufmerksamkeit der Götter zu erhalten. Danach noch einmal verbeugen und so verharren. Ein Priester in schweren Seidenroben schwenkt beim Oharai-Ritual einen geweihten Zweig mit Zickzackpapier über ihren Köpfen, zur Reinigung. Beim Hinausgehen darf jeder ein wenig Reiswein aus flachen Schälchen nippen.

Reinigung und Theatralik

Rund um den von blühenden Kirschbäumen umsäumten Platz mit dem Dohyo, dem geheiligten Ring, warten schon tausende Sumo-Begeisterte auf ihre Stars. Ganz Eifrige sollen sich um sechs Uhr morgens angestellt haben, um sich Plätze direkt am Ring zu sichern. An dem windigen Tag dürften sie dort nicht nur Sand aus dem Ring abbekommen haben, sondern auch das Salz, das die Rikishi - so heißen die Sumo-Ringer in Japan - zur Reinigung vor dem Kampf händeweise in den Ring werfen. Manche werfen es auch auf sich selbst, in der Hoffnung, so Verletzungen abzuwenden. Das lange Warten hat sich gelohnt: Gerade prallen zwei Sumo-Ringer mit einem lautem Klatscher theatralisch mehrfach aufeinander. Jedes Mal schüttelt sich das Publikum vor Lachen. Auch die Yokozuna Hakuho und sein Landsmann Harumafuji spielen das Spiel mit: Nach einem schwungvollen Start, bei dem beide Gegner gleich stark scheinen, greift Hakuho plötzlich seinen Ringer-Kollegen am Gürtel und stellt ihn unter Begeisterungsrufen der Zuschauer einfach aus dem Ring, so als wäre das nichts Besonderes. Dabei wiegt Harumafuji mehr als 130 Kilogramm.

Freude über "Heul-Sumo"

Der Eintritt zum Honozumo ist frei. Gute Plätze bei den Basho-Turnieren können mehr als 100 Euro kosten und sind Wochen im Voraus ausverkauft. Sie finden sechsmal im Jahr statt, drei Turniere in Tokio, die anderen in Nagoya, Osaka und Fukuoka. Anders als beim echten Wettbewerb sind die Ringer beim Honozumo gelöst. Sie scherzen untereinander und posieren bereitwillig für Fotos mit den Fans unter der rosa Blütenpracht. Auch Hakuho, der kürzlich mit 33 Titeln einen neuen Sumo-Rekord aufstellte, ist guter Dinge. Freundlich lächelte er in die Kameras, während kleine Kinder auf ihm herumturnen und Babys in seine riesigen Hände gedrückt werden.

Nur einer fand das nicht lustig: Einer kleiner Junge schrie wie am Spieß, als ihn die Ringer mit in den heiligen Ring nahmen. Selbst Hakuhos Künste als dreifacher Familienvater halfen nicht, das Baby zu beruhigen. Sorgen machte sich deshalb aber niemand. Im Gegenteil, alle freuten sich für das Kind. Nakizumo, "Heul-Sumo", soll, glauben manche Japaner, die Lungen des schreienden Babys kräftigen. Wenn man dem Glauben schenken darf, wird der Bub sicher kerngesund.